Donnerstag, 28.10.2021

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„Das ist der Job schlechthin für mich“

 

 

 

 

Interview mit einem mundmalenden Künstler


Lars Höllerer hatte 1992 einen Motorradunfall und ist seither vom Hals abwärts gelähmt. Die erste Zeit nach dem Unfall war, wie er sagt, die Hölle für Ihn. Durch die Beschäftigung mit der Malerei fand er einen neuen Lebenssinn und einen erfüllenden Beruf.


Wie war die Zeit nach dem Unfall?
An die Zeit etwa 5 Minuten vor dem Unfall und Tage danach habe ich keine Erinnerungen mehr. Ich bin mit dem Rettungshubschrauber nach Ravensburg geflogen worden und wurde dort stabilisiert. Als ich aufwachte, wusste ich erstmal nicht, wo ich war. Ich hatte ein Gittergestänge um meinen Kopf, damit ich ihn nicht bewege, weil die Wirbelsäule stabilisiert worden ist; ich konnte mich also nicht rühren. Ich hatte zudem im Hals so einen Schlauch zur Beatmung. Das war keine gute Zeit. Ich hab’ gedacht, ich bin in der Hölle. Bei mir im Zimmer war ein älterer Mann, der dann in der ersten Nacht gestorben ist.


Ich hab’ auch erst gar nicht realisiert, was für Konsequenzen für mich aus dem Unfall folgen. An diese erste Zeit nach dem Unfall habe ich auch nur noch ganz wenige Erinnerungen. Ich bekam ständig Medikamente, die wie Drogen wirkten. Mit der Zeit fand ich die auch wirklich toll, weil ich mich innerlich aufgegeben hatte.


Eines der schrecklichsten Erlebnisse, die ich in meinem Leben hatte, war, wie ich vom Atemgerät abtrainiert wurde. Zuerst wurde ich zu 100 Prozent beatmet. Das wurde dann immer weiter heruntergefahren. Tief einzuatmen war ganz, ganz schlimm. Ich bin nachts aufgewacht, weil ich vergessen hatte zu atmen, und das Atemgerät war ja auf 0?%! Dann hat das Gerät gepiepst und ich bin aufgewacht. So ging das mehrere Tage, man kann sich das wie einen Drogenentzug vorstellen. Das war wirklich ganz übel.
Dann bin ich nach einer gewissen Zeit nach Tübingen geflogen worden, zur BG-Unfallklinik in die Intensivstation. Dort hatte ich auch ein Atemgerät. Mir ging es dort irgendwie besser. Keine Ahnung, wieso – vielleicht war die Tübinger Luft besser. Ich bin später in die Reha-Klinik, die dort angegliedert ist, übergesiedelt. Ich war auch wirklich froh, auch weil es ein Einzelzimmer war. Die Krankenpfleger waren dort richtig lieb, und es war ganz anders als in der Intensivstation, wo alles „zack, zack, zack“ gemacht wurde. Ich hab’ dann aber wieder Wasser in die Lunge bekommen und musste wieder rüber in die Intensivstation.


Zu dieser Zeit hab’ ich gesagt: „Nee, irgendwann reicht es. Jetzt bring’ ich mich um.“ Ich hab’ mir da ganz klar und sicher gesagt: „So nicht mehr, ich kann nichts mehr, ich bin nichts mehr. Ich werd’ mich mit meinem Rollstuhl im Bodensee versenken.“ Ich habe mir da auch schon eine Stelle ausgesucht und alles geplant – und heute sitze ich noch immer da auf diesem kleinen Planeten Erde.

Für einen Außenstehenden sehr schwer zu verstehen und nachzuempfinden, was Sie mitgemacht haben.

Ich kam da lange Zeit nicht ’ran. Also, immer wenn ich darüber geredet habe, dann war das weit, weit weg von mir, als rede ich von jemand anderem. Aber gestern, ganz komisch, da hab’ ich es meinem Zivi erzählt, mit dem ich mich gut versteh’, und hab’ ihm das auch mit dem Atmen vorgemacht, und auf einmal hab’ ich voll den Heulkrampf bekommen – nach 17 Jahren zum ersten Mal. Ich habe mich selber über mich gewundert. Ich hab’ das wohl nicht bewusst verdrängt, aber wenn ich daran denke, war das echt weit weg von mir gewesen.


Wie sind Sie zur Malerei gekommen? Hatten Sie vorher schon eine Ausbildung?
Nein, das hatte ich nicht. Das war in der BG-Unfallklinik, in der Ergotherapie. Es war klar, dass ich nur noch wenige Fähigkeiten hatte. Eigentlich konnte ich nicht viel mehr als reden. Früher war ich ja sehr sportlich. Ich hab’ die ganzen Wassersportarten gemacht, hab’ Tennis gespielt, bin in Diskos gegangen. Und das ging ja alles nicht mehr, und in die Disko wollte ich auch gar nicht mehr. Die Therapeuten in der Klinik haben mir dann gezeigt, was ich noch machen kann. Das war einmal der Umgang mit dem Computer, Schach spielen – das heißt zuschauen und Spielzüge ansagen – und Lesen am Lesegerät, das ging noch.


Man hat mir dann auch die Malerei angeboten, damals war aber alles ganz provisorisch. Es gab eine Art Tisch, wie ich ihn jetzt habe, mit aufklappbarer Platte und einem Blatt Papier darauf. Man hat mir einen kurzen Pinsel in den Mund gesteckt, und die Ergotherapeutin hat alles gehalten. Ich hab’ die Aquarellfarben gemischt und gemalt. Das Resultat sah ganz, ganz übel aus. Ich hab’ auch noch irgendwo ein Bild, wo ganz groß „Scheiße“ drauf steht, weil nichts geklappt hat.


Am Anfang tat ich das auch nur, um den Tag in der Klinik rumzukriegen, und weniger aus Leidenschaft oder Liebe zur Malerei. Das war eigentlich nur eine Beschäftigungstherapie. Dann bin ich für drei Monate übergesiedelt in das Behindertenwohnheim, weil mein Vater mit dem Anbau, in dem ich jetzt wohne, noch nicht fertig war.


Das ist dann aber doch irgendwann ernster geworden mit der Malerei…
Ja, genau. Ich bin dann nach drei Monaten hierher in die Wohnung gekommen, die mein Vater eingerichtet hat und habe auch hier gemalt. Mein Vater hat mir ein paar Holzböcke gebaut zum Malen. Er ist ein richtiges „Käpsele“ mit Technik und Holz. Das war ideal, ich benutze diese Staffeleien auch heute noch. Mein Vater macht mir die Rahmen, bespannt und richtet sie, das ist natürlich toll. Ich habe bis 1997 zuhause als Autodidakt gemalt. Ich hatte damals schon eine Ausstellung in der Sparkasse Überlingen. Ich hab’ dann auch sehr leidenschaftlich gemalt. Aber ich kam künstlerisch und technisch halt nur bis zu einem gewissen Grad. Ich war eben kein kleiner Picasso. Dann kam eine Freundin auf mich zu, die gerade eine Mappe gemacht hatte, und die sich bei einer Universität bewerben wollte. Sie hat dann gemeint, ich solle einfach mitkommen. Damals bin ich aber noch nicht mit, weil ich starke Schmerzen hatte. Erst ein halbes Jahr später hab’ ich das erste Semester an der Freien Kunstakademie Überlingen mitgemacht. Ich hab’ zuerst gedacht, ich hätte meine Schwierigkeiten, aber das ging doch ganz gut.
Ich habe von 1997 bis 2003 an der Kunstakademie mitgemacht. Dort habe ich eigentlich alles gelernt, was ich jetzt kann. Ich hab’ da auch die ganzen Maler kennengelernt und deren Techniken. Ich hab’ zuerst mit der Technik von Cézanne gearbeitet, also in mehreren Schichten malen. Und dann war eben auch Gabriele Münter eine Anregung, die eher plakativ malt, mit viel Farbe und mit schwarzen Umrissen. Das war dann eher mein Fall. Dann kam irgendwann die moderne Malerei, aber da hab’ ich gesagt: „Nee, da mach ich nicht mit.“ Ich mag eher die gegenständliche Malerei, Landschaften, Stilleben.


Irgendwann hab’ ich gedacht, jetzt muss ich auch mal ein Bild fertig malen für mich. Und wenn es für mich stimmig ist, dann ist es okay. Und so mache ich das eigentlich seit 2003.


Wie kamen Sie zur Vereinigung der mund- und fußmalenden Künstler?
1999 kam die Vereinigung auf mich zu, und das war das größte Glück, das mir passieren konnte. Bis dahin war ich Sozialhilfeempfänger. Man fühlt sich dabei nicht so gut, obwohl es als Behinderter eher die Normalität ist, dass man vom Staat unterhalten wird. Meine Bilder wurden als gut bewertet und ich bekam ein Stipendium. Alle drei Jahre werden die neuen Arbeiten der Stipendiaten bewertet. Wenn die künstlerische Qualität gleichbleibend gut ist oder steigt, kann man assoziiertes Mitglied werden, das war bei mir 2004. Über einen ständigen Bewertungsprozess kann man sich verbessern zum Voll-Mitglied. Das bin ich seit 2007. In diesem Status ist man unabhängig von staatlicher Hilfe. Das ist natürlich eine Anerkennung, die ich nicht gedacht habe zu bekommen.


Ich bekomme nach wie vor Pflegegeld von der Pflegeversicherung, aber dass ich eigenes Geld verdiene und auf eigenen Beinen stehe, gibt mir Zufriedenheit. Ich erlebe, dass meine Arbeit anerkannt wird. Ich habe durch die Malerei neue Freundschaften gewonnen unter Malerkollegen.
Jährlich wird ein Workshop für die deutschen Künstler der Vereinigung in Potsdam abgehalten. Der Aufenthalt und die Hinreise werden bezahlt, auch für die Begleitperson. Dieses Jahr ist das Thema die Aktmalerei. Es herrscht bei diesen Workshops eine total familiäre Atmosphäre. Auch der Verleger von Deutschland ist da, und die Leute, die das organisieren, und eben auch viele Künstler.


Es gibt auch alle paar Jahre internationale Events. 2001 bin ich nach Budapest eingeladen worden, wo ich damals mit meinem Zivi hingeflogen bin. Da war ein europäisches Treffen, bei dem viele mund- und fußmalende Künstler der Vereinigung waren. Letztes Jahr wurde das 50-jährige Jubiläum der Vereinigung in Wien gefeiert. Es gab eine Donaufahrt, und wir wurden in der Hofburg empfangen. Im Opernhaus spielten die Wiener Philharmoniker nur für uns. Das sind dann Momente, in denen man denkt „Whoa! Das ist der Job schlechthin für mich.“


Die Malerei ist so wertvoll für mich. Ich kann mit den Kollegen und Freunden genauso mithalten wie früher, wenn ich beim Surfen war, und bei Windstärke sechs so einen Adrenalinflash hatte. Was ich jetzt mache ist zwar körperlich total anders, aber es ist genau so erfüllend.

Die Fragen stellte Harald Spies.

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