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Bildung + Wissen

19.05.2008 12:33 Alter: 14 yrs

Wer tötet, handelt

Kategorie: Buchbesprechungen, Regierungsbezirk Oberfranken
Von: Literature.de

Was haben Phil Collins undFriedrich Ani gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts - vielleicht auch nichts auf dem zweiten. Aber beim dritten Blick fällt einem vielleicht ein, dass sowohl Collins als auch Ani vor Jahren ankündigten, nie mehr live auftreten zu wollen bzw nie mehr Krimis schreiben zu wollen. Nach seinen zwei Abschiedtouren als Solo-Künstler und seiner letztjährigen Tour mit Genesis hat Collins seinen Rücktritt wiederholt - diesmal sei aber alles endgültig.

Und Ani? Der hat nach seiner selbstverordneten Krimi-Abstinenz sympathischerweise stante pede gleich zwei neue Krimi-Reihen auf den Markt gebracht: eine um den Kommissar Polonius Fischer und eine um Jonas Vogel, genannt "der Seher", der nach einem Unfall, bei dem er das Augenlicht verloren hat, den Polizeidienst quittieren musste.

"Wer tötet, handelt" ist der zweite Roman um Vogel, der seinen früheren Beruf im engeren Sinne - als Berufung also interpretiert und sich nicht einfach so seiner Sehbehinderung wegen abkanzeln lässt. Nach einem Abend mit seinem Sohn, der ebenfalls bei der Polizei, im selben Dezernat sogar arbeitet, entscheidet sich Vogel statt direkt nach Hause zu gehen mit seinem Hund noch eine Runde durch den Stadtpark zu drehen. Dabei wird er von einem aufgeschreckten Mann angesprochen, der ihm von einem Überfall mit Geiselnahme berichtet. Schon als er zum ersten Mal den Namen der jungen Frau, die sich in der Hand des Geiselnehmer befindet, hört, ahnt der ehemalige Kommissar, dass er der Polizei trotz seiner Behinderung von Nutzen sein kann. Jonas Vogel kennt Silvia Klages gut: Ihre Eltern wurden bei einem Überfall vor ihren Augen getötet, und sie gibt sich seither die Schuld an ihrem Tod. Vogel beschließt zum Entsetzen seines Sohnes, der die inzwischen angelaufene Polizeiaktion leitet, sich selbst im Tausch als Geisel anzubieten.
 
Und wie auch in seinen Polonius Fischer-Romanen lässt Ani die Figuren insbesondere den Geiselnehmer in einem kammspielartige Zwiegespräch mit dem "Polizisten" ausführlich zu Wort kommen. Ähnlichkeiten zu typischen Beichtsituationen sind hier mehr als nur gewollt, geht es doch vor allem um die Themen Einsamkeit, Verlorenheit und Entfremdung - mit leichtem Hang zum sakralen und pastoralen Pathos. Dass dieser Roman dabei nicht zu einem eindimensionalen Puppen- bzw. Krippenspiel mit beigefügter Moral verkommt, dafür sorgt Anis scheinbar unfehlbares Gespür und Können für Figurenzeichnungen, die dem Roman allem Pathos zum Trotz genügend Raum zum Atmen bietet. Alles andere als abgeschmackt führt Ani auch das Privatleben Vogels weiter, das alles andere als problemlos zu bezeichnen ist. Da ist zum einen seine Behinderung, seine Frau, die keinen Zugang mehr zu ihrem Mann findet, bzw er ihr diesen Zugang verwehrt und es ist da die Vater-Sohn-Thematik. All diese Punkte weiß Ani organisch in die Handlung integrieren und fortzuführen.

Der Leser wird auch mit diesem Roman Anis seine wahre Freude haben und mehr als ungeduldig entweder auf den nächsten Fischer oder Vogel-Roman warten!  

(c) Dominik Nüse, www.literature.de - Das Literaturportal

Friedrich Ani
Wer tötet, handelt
dtv, 2008
176 Seiten, broschiert, EUR 7,95
ISBN 3423210613