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Bildung + Wissen

02.04.2008 15:02 Alter: 14 yrs

Wahn von Stephen King

Kategorie: Buchbesprechungen, Bildung + Wissen
Von: Literature.de | Der Literaturportal

Ein neuer Roman von Stephen King

Wahn

"Erkennen Sie selbst, wann Sie fertig sind, und legen Sie dann augenblicklich Stift oder Pinsel weg. Der gesamte Rest ist nur noch Leben."

Selten sollte man den letzten Satz eines Buches zitieren - in diesem Falle sei es gestattet, handelt es sich doch eher um eine floskelhafte Bemerkung, die allerdings auf den neuen Roman von Stephen King wie die Faust aufs Auge passt, zumindest hat er sich daran gehalten - im richtigen Augenblick, nach geschlagenen, wunderbaren und aufregenden 892 Seiten hat Stephen King seinen Stift fallen lassen und seinen Roman Wahn beendet!

Und der Titel hält, was er verspricht auf eine sehr überraschende und fesselnde Art und Weise – man liest sich in einen Wahn, will gar nicht mehr aufhören, geschweige denn das Buch, und sei es nur kurz, auf Seite legen.
Dabei beginnt die Story alles andere als wirklich nervenaufreibend: Der reiche und arrivierte Bauunternehmer Edgar Freemantle verliert bei einem schweren Unfall seinen rechten Arm. Seine Kopfverletzungen lassen Erinnerungslücken zu Tage treten und die nicht enden wollenden Schmerzen treiben Edgar in den Wahnsinn. Tendenziell eher beratungsresistent lässt sich Freemantle auf den Vorschlag seines Therapeuten an und zieht für ein Jahr in ein Strandhaus auf der Florida-Insel Duma Key, um dort sowohl Linderung als auch vorzugsweise Heilung zu finden – in der Malerei, einem alten Kindheitstraum des Protagonisten.
So weit so unspektakulär. Doch allein schon die Komposition dieser Exposition ist von einer atmosphärischen Dichte, die sich unweigerlich wie ein Nebel um den Leser legt und ihn so schnell nicht wieder loslässt. Ebenso wenig übrigens wie Edgar Freemantle sich der Faszination Elisabeth Eastlakes nicht entziehen kann. Der nämlich gehört das Eiland und sie umgibt eine tragische und mysteriöse Familiengeschichte, der er sich immer mehr annähert. Und wie das mit den Wesen aus der Vergangenheit so ist – man hätte sie besser in Ruhe gelassen…

King ist mit Wahn ein grandioser Page-Turner gelungen, der den Leser ebenso wie den Protagonisten langsam aber unerbittlich und zielstrebig in den Wahnsinn treibt. Dabei bleibt er seinem Stil treu, ohne sich zu sehr selbst zu kopieren und fügt auch der Metapher und dem Sinnbild des faustischen Genies, des gottgleichen Künstlers, zu dem Freemantle im Laufe des Romans mutiert eine interessante Facette hinzu.
Zwölf – natürlich zwölf, ist die doch die zahlenmystisch gesehen kompletteste und allumfassende Zahl – Exkurse zum Wesen der Malerei („Wie man ein Bild zeichnet“) leiten jeweils ein neues Großkapitel – und man sollte sich hüten, diese „Einleitungen“ als unwichtige und rein prätentiöse Spielerei abzutun und zu überblättern! Hier hat alles Hand und Fuß – King gelingt es, sich über die fast 900 Seiten an keiner Stelle zu verfransen, ein Element greift ins andere – und doch wirkt der Roman niemals gewollt konstruiert und kann sich sicherlichlich messen lassen mit früheren Großtaten Kings. Inwiefern King in diesem seinen schweren Autounfall verarbeitet hat, ist nicht klar - doch vielleicht war Wahn für ihn auch eine Art Therapie, diesen zu verarbeiten. Den Leser erwarett jedenfalls ein bunter Strauß erstklassiger Horrorblüten, kunstvoll und in sich harmonisch zusammengehalten von einem Autor, den viele auch schon abgeschrieben hatten. Wie sich zeigt, zu Unrecht!

Ganz großes Lesekino und ein mehr als gelungener Start in den diesjährigen Bücherfrühling!

Stephen King
Wahn
(Originaltitel: Duma Key)
Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner
Heyne, 2008
896 Seiten, gebunden, EUR 22,95
ISBN: 3453265858


(c) Dominik Nüse - www.literature.de

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