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Bildung + Wissen

02.04.2008 15:02 Alter: 14 yrs

Heimsuchung von Jenny Erpenbeck

Kategorie: Buchbesprechungen, Bildung + Wissen
Von: Literature.de | Der Literaturportal

Ein Roman von Jenny Erpenbeck

Heimsuchung

Heimstatt, Heimweh, Heimatlos, Heimgehen… Heimat

Eine klar umrissene Definition des Begriffs Heimat zu geben, ist sicherlich nicht einfach. Zwar findet sich sogar in der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia eine gründliche Abhandlung, allerdings kann gerade diese Ausführlichkeit darauf hinweisen, wie komplex dieser Ausdruck in Wahrheit ist.

 
Jeder Mensch wird dieses Wort für sich selbst definieren. Unterschiedliche Erlebnisse und Erinnerungen prägen dabei die persönliche Erklärung. Mit Heimat kann eine Gegend oder eine Landschaft abgegrenzt sein. Die einen definieren damit ganz speziell eine Stadt oder ein Dorf, andere vielleicht die nationale Zugehörigkeit, das Vaterland oder gar eine Sprache oder Religion.
Heimat muss also keine lokale Prägung haben, sondern ist eher eine Identifikation mit der Gesamtheit der persönlichen Lebensumstände, in denen ein Mensch aufwächst, eine Beziehung zwischen Mensch und Raum.

Auch Jenny Erpenbeck versucht sich an dieser Begriffsbestimmung und - um es gleich vorweg zu nehmen - sie tut es atemberaubend eindrucksvoll.
Zwar hat sie in ihrem fantastischen Roman "Heimsuchung" eine ganz konkrete Heimstatt ausgewählt - ein Haus am "Märkischen Meer" in Mecklenburg, irgendwo zwischen Guben und Berlin -, aber ihre Bewohner definieren eben jenen Begriff Heimat jeder auf andere Art und Weise. Dieses Haus, errichtet in den 20er Jahren und bewohnt bis zur Jahrtausendwende, dient der Autorin gleichfalls nur als Hülle, als Rahmengerüst für ihr kunst- und genussvolles Wortgemälde. Am Ende verfällt es, wird abgerissen.

Individuelle und verschiebbare Grenzen

Auf die örtliche Vergänglichkeit weist die Autorin bereits zu Beginn hin. Im Prolog, den sie ganz weit in die frühe erdgeschichtliche Entwicklung legt und der die Entstehung dieser Landschaft in der letzten Eiszeit, vor ungefähr 24 000 Jahren, beschreibt, wird dem Leser klar, dass Grenzen verschiebbar, Namen individuelle Prägungen sind, die kommen und wieder vergehen, "denn , wie jeder See war auch dieser nur etwas Zeitweiliges, wie jede Hohlform war auch diese Rinne nur dazu da, irgendwann wieder ganz und gar zugeschüttet zu werden."

Bereits die ersten Zeilen mit ihrer Gewaltigkeit der zeitlichen Dimension und der Schwere des Eises, das diese Märkische Landschaft herausgeformt hat, stimmen auf ein Gefühl der Winzigkeit unseres Daseins ein. Sentimentale und ehrfurchtsvolle Benommenheit macht sich breit. Die menschliche Existenz wird zum winzigen Bruchteil eines zeitgeschichtlich Ganzen degradiert.

Anhand von zwölf Einzelschicksalen erzählt Erpenbeck die Suche und Sehnsucht des Menschen nach Heimat. Dabei streckt sie den eigentlich unbedeutenden Zeitraum um eine Zeitspanne von achtzig Jahren. Sie beginnt in den Zwanzigern die Vorgeschichte des Hauses aufzurollen, die aus einer Tragödie einer der Töchter des Großbauern Wurrach entspringt. Deren Erbteil, ein Grundstück, wird nach ihrem Selbstmord gedrittelt und verkauft.
Einer der Käufer ist ein jüdischer Tuchfabrikant.

Zwölf Einzelschicksale

Später dann, in den Dreißigern, gibt auf dem anderen Drittel ein Berliner Architekt "dem Bleiben einen Körper" - er baut eben jenes Haus, das Erpenbeck als Protagonist in diesem Roman setzt. Als die Familie des Juden im Dritten Reich emigrieren muss bzw. diejenigen, die es nicht mehr schaffen, vergast und erschossen werden, kann der Architekt dessen Anwesen günstig übernehmen.

Besonders die Einzelschicksale der Familie des Tuchfabrikanten sind die mental erschütterndsten in Erpenbecks Erzählung. Mit kurzen, prägnanten Sätzen, die von Zeit zu Zeit wiederholt und manchmal gar mehreren Personen in den Mund gelegt werden, erzeugt die Autorin eine derart gefühlsmäßige Durchschlagkraft, dass dem Leser mitunter der Atem stockt: ein literarischer, affektiver Knockout.
Manchmal ist weniger mehr!

Und so schieben sich die wechselnden Besitzer der Räumlichkeiten über oder in das Szenario, betreten mal dieses, mal jenes Zimmer. Der Leser erfährt etwas über die Frau des Architekten, die Kinder des Juden oder die einmarschierenden Rotarmisten: "Je mehr deutsche Häuser sie betraten, desto schmerzhafter stellte sich ihnen die Frage, warum die Deutschen nicht hatten dort bleiben können, wo ihnen zum Bleiben nichts, aber auch wirklich nicht das Allergeringste fehlte."

Als wiederum der Architekt ein paar Jahre später selbst vor dem DDR-Regime flieht, finden neue Bewohner Heimstatt im Haus, so die aus dem Exil heimkehrende Schriftstellerin, die wiederum der polnischen Mutter ihres Schwiegersohnes eine neue "Heimat" gewährt. Diese Episode gehört zu der melancholischsten, gleichzeitig jedoch schönsten Erzählung Erpenbecks. Trotz des traurigen Untertons ist eine stille Freude darin.
Großartige Worte wie Musik.

Extrem verdichteter literarischer Stoff mit enormer Durchschlagkraft

Verbindendes Glied und Einschub hinter jedem Einzelschicksal ist der Gärtner, der gleichsam stumm und all die Jahre scheinbar unveränderlich die Vegetation des Gartens am Leben erhält, der rodet und neu anpflanzt - je nach Wunsch der jeweiligen Besitzer -, bewässert und pflegt. Er dient nach jedem Kapitel als emotionale "Bremse", mindert mit seiner beruhigenden Erhaltung und Hege der Natur die Wucht, die zerstörerische Kraft von Erpenbecks Text.

Schlussendlich wird das Haus mit der Deutschen Einheit zum juristischen Zankobjekt und verfällt. Einzig die Enkelin der Schriftstellerin wohnt für einige Tage im Wandschrank; wie einst die Frau des Architekten, die sich dort tagelang vor den Russen verstecken musste.
Äußerlich ist das Gebäude nur noch eine Hülle, ein Skelett, ein Rahmen für Rechtsparagrafen. Ein Gefühl von Heimseligkeit kommt bei der nüchternen Beschreibung der Rechtsparagrafen nicht auf.

Haben und Verlieren existieren ständig in Erpenbecks Roman ständig parallel, alles was nah war, wird plötzlich fremd, stirbt gar. "Bevor auf demselben Platz ein anderes Haus gebaut werden wird, gleicht die Landschaft für einen kurzen Moment wieder sich selbst."

Der imposante Text der Berliner Autorin erzeugt trotz seiner augenscheinlichen Marginalität eine permanente Sogwirkung, eine starke innere Spannung, der sich zu entziehen kaum möglich ist. Scheint anfänglich vieles noch vage, nur angedeutet und hingetupft, so verdichtet sich der Stoff von Seite zu Seite zunehmend, um beinahe tiefenpsychologische Dramatik zu erreichen. Dabei rollt Jenny Erpenbeck ihre Dramen nicht nacheinander ab, sondern stapelt sie neben- und übereinander, verknüpft, dröselt auf und webt wieder zusammen und lässt so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beinahe gleichzeitig existieren: "Alles wie eins. Heute kann heute sein, aber auch gestern oder vor zwanzig Jahren." Nur der Wechsel der Sprach- und Stilebenen markiert das Vergehen der Zeit.

Die letzte Bewohnerin ist wohl Jenny Erpenbeck selbst, ihr Alter Ego. Denn das reetgedeckte Haus am See, Ausgangspunkt und Ziel dieser Heim-Suchung, gibt es tatsächlich. Es wurde 1936 von einem Berliner Architekten erbaut und ging nach dem Krieg in den Besitz ihrer Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck über.

Fazit:

"Heimsuchung" ist ein anmutiges, episches wie poetisch verdichtetes Lesevergnügen der menschlichen Suche und Sehnsucht nach Heimat, in dem die Autorin zwölf verknappte Lebensläufe vorstellt, die alle mehr oder weniger miteinander verwoben und untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden sind.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2008 wäre Jenny Erpenbeck eine wahrhaft würdige Gewinnerin, denn ihre Sätze stehen nicht einfach auf dem Papier, sondern sie sind unterwegs zum Leser, der sich ihrer bedienen kann.

So sieht große Literatur aus!

(c) Heike Geilen - www.literature.de

Jenny Erpenbeck
Heimsuchung
Eichborn, Berlin (Februar 2008)
192 Seiten, Gebunden, 17,95 EURO
ISBN-10: 3821857730
ISBN-13: 978-3821857732

Weitere Informationen unter www.literature.de