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Bildung + Wissen

16.05.2008 16:51 Alter: 14 yrs

Gestatten, mein Name ist Paul Cox - Eben war die Leich noch da

Kategorie: Buchbesprechungen
Von: Literature.de

Paul Cox und Disco-Fox

Kann man sich Tunichtgut, Lebemann und Laiendetektiv Paul Cox in einem Hörspiel vorstellen, dass von den sphärischen Klängen eines Frank Duval eingerahmt wird. Nein, kann man nicht. Denn den Stücken von Rolf und Alexandra Becker haftet unzweifelhaft der Charme 50er und 60er Jahre an. Dennoch hat der Bayerische Rundfunk den Stilwandel 1978 gewagt und aus Cox’ Fall „Eben war die Leiche noch da“ eine einfache Disco-Nummer gemacht.

Gefällig arrangiert mit bekannten und auch wirklich guten Sprechern der Siebziger: Reiner Schöne als smarter Cox, Michael Degen als sein besonnener Freund Richardson und Harald Leipnitz als trotteliger Inspector Carter von Scotland Yard. So weit, so gut. Doch unter der Regie von Peter M. Preissler ist ein vollkommen überdrehtes Kriminalstück entstanden, dass nur noch auf die Pointe und nicht mehr auf den Plot, geschweige denn auf die subtilen Charaktermerkmale der Figuren schaut. Paul Cox mutiert zum rotzfrechen Playboy und sein ewig unterlegener Konkurrent von Scotland Yard wirkt eher wie der unterbelichtete Inspector Clouseau. Von dem in früheren Hörspielen gepflegten Kontrast zwischen englischer Etikette und dosiertem Regelverstoß ist in dieser Zeitgeist-Produktion nichts vernehmbar.

Die einfach gestrickte Story um ein verschwundenes Aktienpaket ist als simples Roadmovie konzipiert, in dem Cox wieder mal als erster und einziger verdächtigt wird. Und zwar des illegalen Besitzes der Wertpapiere und des Mordes an einem dubiosen Privatdetektiv, dem er die Aktien auf Wunsch ihrer rechtmäßigen Besitzerin aushändigen soll. Natürlich hat Cox sie nicht, auch wenn er dessen Vorbesitzer gut gekannt und einst eines Verbrechens überführen konnte. Doch wie immer ist er neugierig, fährt zum vereinbarten Treffpunkt und findet nur noch die Leiche des Schnüfflers. Und Scotland Yard findet ihn am Tatort. Da Inspector Carter nur eins und eins zusammenzählen kann, ist Cox sein Mann, sprich sofort sein Täter. Doch der verschwindet vom Ort des Geschehens genauso schnell wie der Tote.

Nun ist der gewiefte, aber auch wieder mal auf sich allein gestellt und erledigt wie immer den Job des Kommissars, um sich von allen Verdächtigungen freisprechen zu können. Dabei stößt er abermals auf dubiose Gestalten, die ihm nach dem Leben und nach den Aktien trachten. Doch wie könnte es anders sein: Bei all seinen gefährlichen Begegnungen mit Nachtclubbesitzern, rachedurstigen Schwestern und geldgierigen Ganoven stellt sich am Ende die einzige spannende Frage: Gibt es vielleicht weder Leiche noch Täter? Wer das wissen will, muss sich auf gut zwei Stunden Paul Cox und Disco-Fox einlassen. Wer mit nostalgischen Gefühlen an die 70er zurückdenkt wird seine Freude haben. Wer sich aber nach Figuren und Sprechern der 50er und 60er Jahre sehnt, sollte die Ohren hier lieber auf Durchzug schalten.

(c) Jörg von Bilavsky, www.literature.de - Das Literaturportal

Rolf und Alexandra Becker
Gestatten, mein Name ist Cox. Eben war die Leiche noch da.
Der Hörverlag, 2008
2 CDs, 133 Minuten, EUR 19,95
ISBN 3867171963