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Bildung + Wissen

16.05.2008 16:48 Alter: 14 yrs

Die rote Nelke

Kategorie: Buchbesprechungen
Von: Literature.de

Eine Jugend in Sizilien.

Elio Vittorini, 1908 -1966,  gehörte neben Cesare Pavese, Italo Clavino und Italo Svevo zu den ganz großen italienischen Autoren des 20. Jahrhunderts.  Er betätigte sich neben dem Schreiben als Übersetzer und Korrektor. Nach einer kurzen Hinwendung zum Faschismus gehörte er bald schon zu den aufgeklärten  Intellektuellen, die sich in den Untergrund zurückzogen und später im Widerstand arbeiteten. Aus der Arbeiterschaft kommend schloss Vittorini sich den Kommunisten an.
Nach dem Krieg trat er aus der kommunistischen Partei aus und gab zusammen mit Italo Calvino die Zeitschrift Il menabò heraus.

Der vorliegende und bei Wagenbach neu aufgelegte Roman, der zum ersten Mal 1948 erschienen ist, behandelt  die Liebe, das Heranwachsen und die Gymnasialzeit zweier Schüler. In dem Roman spielen die politischen Verhältnisse eine verbindende Rolle. Im Oktober 1922 hatte der Marsch auf Rom stattgefunden. Faschisten hatten staatliche Gebäude und Institutionen besetzt und Mussolini zur Macht verholfen.  Die Schulreform von 1923  hatte in Italien verbindliche Änderungen gebracht, die man in den Anmerkungen am Schluss  des Buches nachlesen kann.

Zum Inhalt:
Im Jahr 1924 besuchen Alessio Mainardi und sein Freund Tarquinio, 16 und 18 Jahre alt,  das Gymnasium. Sie kommen aus wohlhabenden Elternhäusern  und wohnen fernab ihrer Heimatorte in einer Schülerpension. Dort treffen sie zusammen, und dort haben sie ihre intimen Unterhaltungen, in denen sie sich über den Alltag und die Liebe austauschen. Ein weiterer Ort für sie ist eine Schmiede, auch  Höhle von ihnen genannt, wo sie sich einst kennen gelernt haben.  
Mainardi ist verliebt in Giovanna, die ihn kurz erhörte, um sich dann wieder zu entziehen.
Tarquinio aber schwärmt von Zobeida, der schönen und reizvollen älteren Frau. Und die rote Nelke? Sie ist das Symbol, in dem sich die Liebe verewigt hat. Sie wechselt den Besitzer nach Lage der Dinge.  

Vittorini schreibt im  Stil der Zeit. Die beiden Protagonisten äußern sich reflektiert, gefühlvoll und schätzen Geheimnisse. Die Tageszeit mit ihren je unterschiedlichen Geräuschen in den  Gassen und das Flimmern des Lichts erheben den Anspruch,  Stimmungen lautmalerisch wiederzugeben. Die politischen Verhältnisse werden auch von den Schülern mit Interesse verfolgt.
Faschisten und Sozialisten liefern sich Aufmärsche und Straßenschlachten, an denen sich die Schüler begeistert und leidenschaftlich beteiligen. Ein Schulstreik bildet den Höhepunkt der Auseinandersetzungen.

In seinem jugendlichen Enthusiasmus schließt sich Mainardi zuerst den Faschisten an. Die Distanz zum Elternhaus ist groß. Seine pubertäre Verfassung der Auflehnung und das langsam erwachende Bewusstsein für unterschiedliche Gesellschaftsschichten lösen kritische Anmerkungen zum Abstand zwischen Arbeitern und der besitzenden Klasse aus. Mainardi bleibt zum Schuljahresende sitzen und wird zu Strafe von den Eltern in seinen Ferien gemieden. In einem großbürgerlichen Elternhaus wird Aufruhr und Schulversagen nicht geduldet. Nach anfänglich erfolgreichen Anstrengungen, den Anschluss an die dritte Klasse zu schaffen, geht Alessio dann doch wieder seiner Wege. Er verliert seinen Freund Tarquinio aus den Augen. Mainardi  lässt sich nicht beirren, geht in den Puff, verwechselt Liebe und Sex, und lernt erst allmählich, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.

Die Sprache von Vittorini ist klar und unverfälscht. Diskret und akkurat benennt er das, was er zu sagen hat: „...daher wussten wir, welchen Namen wir dem zu geben hatten, diesem plötzlichen sich in die Augen schauen und in ein anderes Zimmer flüchten von Papa und Mama...“ Genauer und schöner kann man nicht beschreiben, was die Kinder spüren und sich ausmalen. Sexualität  und erste Liebe sind neben der Politik die alles bestimmenden Themen dieser Altersgruppe. Der Entwicklungsroman beleuchtet einen Zeitraum in Italien, in der die Ablösung vom Elternhaus unter anderen Bedingungen stattfand  als heute. Liberal war man allenfalls, und auch nur in engen Grenzen, den Söhnen gegenüber. Die Schwester von Alessio zeigt sich in ihren Auffassungen zur politischen und persönlichen Lage in der Familie allerdings ebenfalls aufsässig. Die Kinder des Fabrikbesitzers können sich dem Trend der Zeit nicht entziehen, in denen sich der Faschismus und der Sozialismus feindlich gegenüber stehen.

Die Erinnerungen an einen aufgeschlossenen und liberalen Großvater, an Tanten und Onkel, symbolisieren die Freiheit aus glücklichen Kindertagen. Auf der Suche nach Idealen, für die man in der Pubertät anfällig ist, konnten die Chefideologen des Faschismus viele Jugendliche für sich gewinnen.

Vittorini hat in seinem Roman ein Zeitfenster geöffnet, das die politischen Entwicklungen mit den persönlichen Entwicklungsgeschichten einzelner Jugendlicher verknüpft. Das Milieu der neugierigen, lebenshungrigen Jeunesse dorée wird detailgenau  erforscht. Das Buch gehört zu den Klassikern der italienischen Nachkriegsliteratur und mit dieser Neuauflage in der ausgezeichneten Übersetzung von Barbara Kleiner und einem klugen Nachwort von ihr  wird das Buch einem aufgeschlossenen Publikum wieder zugänglich gemacht.  

(c) Claudine Borries, www.literature.de - Das Literaturportal

Elio Vittorini
Die rote Nelke
Wagenbach Verlag
235 Seiten, broschiert, EUR 10,90
ISBN 3803125928