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Schwerpunkt

Morbus Parkinson

Fortschritte in der Behandlung verbessern die Lebensqualität


Es war der übliche Bürowahnsinn. In der Firma stand die wichtigste Sitzung des ganzen Jahres an. Entsprechend hoch war der Druck in der Abteilung Rechnungswesen/Controlling. Der Druck war hoch, tägliche Überstunden die Regel. Die Abteilungsleiterin Ulrike Braatz kam nicht mehr zur Ruhe, denn auch privat war einiges los. Ihr Lebenspartner lag nach einer Hüftoperation im Krankenhaus, ihre Mutter mit Herz-Kreislauf-Problemen in einer Klinik. Jeden Abend nach dem späten Feierabend besuchte sie abwechselnd einen von beiden. „Ich war quasi rund um die Uhr im Einsatz“, erinnert sie sich.

Es war um diese Zeit, im Mai 2005, als sie es zum ersten Mal bemerkte: Die linke Hand zitterte, wenn sie den Telefonhörer hielt, um mit der rechten zu schreiben.

Ihre Ärztin beruhigte sie. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Sie haben sich nur einen Nerv eingeklemmt.“

Doch irgendwie fühlte Ulrike Braatz, dass es etwas viel Schlimmeres sein könnte. Da war diese Szene im „Tatort“ gewesen, die ihr nicht aus dem Kopf ging. Eine Violinistin wurde da gefragt, wann sie wieder spielen würde. ,Nie wieder‘, hatte diese geantwortet, ,nie wieder werde ich Violine spielen können. Ich habe Parkinson.‘


Ursache

Die Parkinson-Krankheit wird durch einen Untergang von Gehirnzellen ausgelöst. Es ist vor allem der Bereich der Basalganglien betroffen. Hier sterben Zellen in der „Schwarzen Substanz“ (Substantia nigra) ab, die den wichtigen Botenstoff Dopamin herstellen. Dopamin ist unverzichtbar für das Weiterleiten von Signalen, vor allem im Bewegungs- und Sprachzentrum des Gehirns.

Wenn sich die ersten Krankheitssymptome zeigen, hat die Krankheit schon mehrere Jahre im Verborgenen gewirkt und bereits bis zu 70 Prozent der dopaminproduzierenden Zellen zerstört. Was diese Vorgänge auslöst, ist noch nicht zur Gänze erkannt. Die Medizin bekämpft die Auswirkungen der Krankheit mit zunehmendem Erfolg, doch sie kann sie bisher weder heilen noch ihren Verlauf aufhalten.


Symptome

Die Krankheit löst Bewegungsstörungen aus. Das bekannteste Symptom, das Zittern (Tremor) der Hände, Füße oder des Kopfes, tritt jedoch nur bei einem Teil der Erkrankten auf. Oft stehen diffuse Beschwerden am Anfang.

Wenn die Krankheit fortschreitet, verstärken sich die Anzeichen. Sie sind individuell und bei jedem Patienten unterschiedlich ausgeprägt. Ein charakteristisches Anzeichen ist die mangelnde Koordinierung der Arm- und Beinbewegungen beim Gehen; die Arme schwingen nicht im Takt mit. Mit der Zeit verstärkt sich die Muskelspannung. Die Schritte werden immer kleiner, die Betroffenen trippeln. Die gestische und mimische Ausdrucksfähigkeit nimmt ab. Betroffene haben oft einen maskenhaften Gesichtsausdruck. Die Bewegungsfähigkeit lässt immer mehr nach und kann bis zur Bewegungslosigkeit abnehmen. Diese Symptome treten spontan auf und vergehen wieder, ohne dass der Patient dies beeinflussen könnte. Es kommt bei manchen Patienten zu dauerhaften Krümmungen des Rumpfes und der Gliedmaßen.


Folgeerkrankungen und Komplikationen

Viele Parkinsonpatienten werden depressiv. Sie erleben sich als zunehmend hilflos und fühlen sich beschämt. Ohne ein verständnisvolles Umfeld, seien es die Angehörigen oder eine Selbsthilfegruppe, neigen sie zu sozialem Rückzug und zur Isolation. Zum Teil tritt auch eine Form der Depression auf, die direkt auf die Veränderungen im Gehirn der Betroffenen zurückgeht. Bei manchen Betroffenen geht diese schwere Stimmungstrübung dem Ausbruch der Krankheit voraus.

Parkinsonpatienten haben im Vergleich zum Durchschnitt ein sechsfach erhöhtes Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Störungen des Kreislaufs, der Blasenfunktion, der Temperaturregelung und der Magen-Darm-Bewegungen können das Leben der Betroffenen zusätzlich beeinträchtigen.

Im weiteren Verlauf der Krankheit wird die medikamentöse Behandlung der Symptome zunehmend schwieriger. Es kommt als Langzeitfolge der medikamentösen Behandlung teilweise zu starken Schwankungen der Bewegungsfähigkeit. Phasen der Unbeweglichkeit wechseln mit Phasen von unkontrollierbarer Überbewegung ab.

Dazu Prof. Dr. Berg vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen: „Man muss verstehen, dass man die Medikation mit der Zeit erhöhen muss, einfach weil das Gehirn immer weniger Dopamin produziert. Man muss also einerseits die Dosis erhöhen, aber andererseits sehr vorsichtig dosieren, damit man die Balance zwischen Wirkungen und Nebenwirkungen hält. Dazu muss der Arzt dem Patienten genau zuhören, um herauszufinden, wo seine Einschränkungen liegen und welche Zusatzsymptome er hat – das können z. B. auch Albträume oder Halluzinationen sein. Nur wenn man die tatsächliche Situation des Patienten richtig erfasst, kann man ihn auch richtig medikamentös einstellen.“


Diagnose

Ulrike Braatz spürte einige Monate später, wie ihr linkes Bein zu zittern begann. Ihre Hausärztin machte ein besorgtes Gesicht und überwies sie zur MRT-Untersuchung an einen Radiologen. „Also“, sagte der Facharzt, „multiple Sklerose ist es nicht – und auch kein Gehirntumor.“ Frau Braatz war mäßig erleichtert. Zur Abklärung der Diagnose ging sie zum Neurologen.

Sie wählte den richtigen Weg. Viele Patientinnen und Patienten werden wegen diffuser Beschwerden lange und erfolglos behandelt. Dr. Heinz-Peter Herbst ist niedergelassener Neurologe in Stuttgart. Mit zwei Kollegen betreibt er die Gemeinschaftspraxis Neurozentrum in der Sophienstraße. Er kennt die Probleme. „Morbus Parkinson wird oft nicht erkannt. Viele Patient-innen und Patienten werden wegen diffuser Beschwerden lange und erfolglos behandelt. Studien zeigen, dass bis zu fünf Arztbesuche notwendig sind und bis zweieinhalb Jahre vergehen, bis ein Parkinsonpatient die richtige Diagnose bekommt. Wenn ein Patient nicht mit dem charakteristischen Tremor auffällig wird, sondern etwa über Muskelversteifungen klagt, dann geht er zum Orthopäden. Da leider gerade bei älteren Menschen oft auch Befunde an der Wirbelsäule sind, werden solche Patienten dann als Wirbelsäulen- oder Rheumapatienten fehlbehandelt. Das geht so lange, bis dann die typischen Parkinsonsymptome in den Vordergrund treten. Ein erfahrener Neurologe wird in aller Regel die Diagnose schnell finden. Die Trefferquote liegt heute bei etwa 80 Prozent.“

Die Diagnosen liegen bei einem Teil der Fälle noch immer falsch, weil es sich dabei um sogenannte atypische Parkinsonerkrankungen handelt. Diese Erkrankungen gleichen im Anfangsstadium der idiopathischen Parkinsonerkrankung. Sie stellen sich aber im weiteren Verlauf als andere Erkrankungen heraus.

„Wenn Ärzte bei der Diagnose unsicher sind, können sie mithilfe eines bildgebenden Verfahrens die Diagnose bestätigen. Durch diese Untersuchung kann man sehr gut feststellen, ob der Dopaminstoffwechsel normal ausgeprägt ist oder eben vermindert, wie es beim Parkinson-Patienten typisch ist“, beschreibt Dr. Herbst das Verfahren.


Therapie

Ulrike Braatz war nun chronisch krank. „Das Zittern“, hatte sie der Neurologe beruhigt, „ist bis Weihnachten wieder weg.“ Es stimmte. Sie bekam nun ihre ersten Parkinsonmedikamente. Die Therapie zeigte gute Erfolge.

„Man spricht von einem ,Honeymoon‘, zumindest, was die motorischen Symptome anbelangt“, sagt Prof. Dr. Daniela Berg. „Man weiß ja, dass die Symptome durch einen Dopaminmangel ausgelöst werden. Wenn man hier nun den Überträgerstoff (Dopamin) oder eine ähnlich wie der Überträgerstoff wirkende Substanz (Dopaminagonist) gibt, können die störenden motorischen Symptome in der Frühphase häufig sehr gut behandelt werden – z. T. so gut, dass die Patienten im Tagesverlauf gar nicht mehr an die Erkrankung denken.“ Doch sie mahnt zur Vorsicht: „Man sollte bei der Therapie aber beachten, dass frühe und zu hoch dosierte Dopamingaben später Nebenwirkungen wie Wirkungsschwankungen auslösen können – daher beginnt man heute die Therapie in der Regel mit Dopaminagonisten, die in der Regel auch zu einer Honeymoon-Phase führen können, die durch die spätere zusätzliche Gabe von L-Dopa noch verlängert wird.“

Jeder Parkinson ist anders

Trotz einer bereits achtjährigen „Karriere“ als Parkinsonpatientin geht es Ulrike Braatz noch relativ gut.

Viele Parkinson-Betroffene haben ein sehr persönliches Verhältnis zu „ihrem“ Parkinson. „Ich würde ihn als Hausbesetzer bezeichnen, den man nicht mehr los wird und dem man nicht zu viel Raum geben darf“, sagt Ulrike Braatz. „Das ist das Unangenehme an der Krankheit: dass man sie sieht. Sie können sie nicht verbergen. Sie brauchen viel Selbstbewusstsein, um damit umzugehen. Und es gibt Tage, da macht es Sie fertig. Parkinson ist immer da, seinetwegen nehmen Sie die Tabletten ein. Und wenn man sie nicht nimmt, dann kommen die Auswirkungen, und zwar deutlich.“

„Der Verlauf ist immer individuell“, sagt Prof. Dr. Berg. „Ich kenne Patienten, bei denen macht sich die Krankheit auch nach Jahren nur durch ein kaum merkliches Zittern des Daumens bemerkbar. Hingegen gibt es andere Patienten, die bereits nach wenigen Jahren schwerstbetroffen sind. Wir versuchen zu verstehen, was zu einem leichteren oder zu einem schwereren Verlauf beiträgt, um dann individueller behandeln zu können.“

Ulrike Baartz merkt in letzter Zeit, wie die körperlichen Beschwerden zunehmen. Morgens beim Aufstehen schmerzen die Gelenke. Sie klagt öfter über einen „steifen Hals“, der linke Ringfinger wird manchmal beim Schreiben auf der Tastatur steif und ihre Handschrift wird kleiner. „Ich kann sie manchmal nicht mehr lesen und muss z. B. Briefumschläge mehrmals schreiben, weil es so unleserlich geworden ist“, sagt Frau Braatz.


Tiefe Hirnstimulation (THS)

Eine neuartige Behandlungsform ist die THS. Dabei werden den Patienten Elektroden in das Gehirn eingesenkt. Ein sogenannter Hirnschrittmacher gibt Impulse an diese Sonden. Dadurch können die gefürchteten Wirkungsschwankungen meist sehr wirkungsvoll unterdrückt werden.


Aussichten für Parkinsonpatienten

Trotz aller Probleme sind die Aussichten für Parkinsonpatienten in den letzten Jahren immer besser geworden. Prof. Dr. Berg: „Glücklicherweise erkranken die meisten Patienten nicht im jungen Alter, und die, die jung erkranken, kommen in der Regel sehr lange mit medikamentöser Therapie gut zurecht, weil der Verlauf oft besser ist, als wenn die Krankheit im höheren Alter auftritt. Dass man also an die Grenze aller Therapiemöglichkeiten kommt, ist nicht sehr wahrscheinlich.“

Parkinsonpatienten haben Grund, optimistisch zu sein. „Die Diagnose Parkinson sollte nicht dazu führen, dass man seine Lebenspläne völlig über den Haufen wirft“, sagt der Neurologe Dr. Herbst. „Es ist zwar eine Krankheit, die nicht heilbar ist, aber wir können sie über viele Jahre hinweg sehr gut behandeln. Ich ermutige meine Patienten, die Hoffnung nicht zu verlieren und weiter aktiv zu sein. Natürlich in möglicherweise engeren Grenzen als bisher. Ich habe eine Patientin, deren Traum war es, den Tafelberg bei Kapstadt zu besteigen. Nachdem sie die Diagnose Parkinson erhielt, hat sie sich das nicht mehr zugetraut. Nach etwa zwei Jahren der Behandlung merkte sie, dass sie eigentlich noch ganz gut zurechtkam. Sie machte die Reise, wagte Aufstieg und schaffte ihn. Mit Parkinson kann man ein aktives Leben führen. Man muss sich sicher mehr anstrengen als ein gesunder Mensch, aber es lohnt sich.“

Auch Ulrike Braatz hat einen Weg gefunden, mit ihrer Krankheit umzugehen und ihr sogar positive Seiten abgewonnen. Sie begann nach Ausbruch der Krankheit zu schreiben. „Ich schreibe lustige Kurzgeschichten, lustige Gedichte. Und das macht mir sehr viel Freude.“ Und dabei ist sie nicht die Einzige: „Es gibt viele ,Parkies‘, die anfangen zu malen und es vorher nie getan haben.“ Die Krankheit löst bei manchen einen Kreativschub aus. „Vielleicht liegt es bei mir daran, dass ich während meiner beruflichen Tätigkeit nie Zeit für das literarische Schreiben hatte“, sagt Ulrike Braatz. Wie ihre Krankengeschichte weitergeht, weiß sie nicht – das weiß niemand.



Buchtipps:

Bernd Leplow:

Ratgeber Parkinson

Informationen für Betroffene und Angehörige

ISBN-9783801720995

Hogrefe Verlag GmbH

Taschenbuch, 64 Seiten

EUR 8,95



Claudia Trenkwalder:

Parkinson – Die Krankheit verstehen und bewältigen

ISBN-9783794528103

Verlag Schattauer GmbH

Taschenbuch, 115 Seiten

EUR 19,95


Renate Annecke,
Evelyn Ludwig:

Der große TRIAS-Ratgeber Parkinson-Krankheit

Alles über Ursachen und Behandlung

ISBN-9783830433866

Verlag Trias

Taschenbuch, 152 Seiten

EUR 24,95


Andres Ceballos-Baumann, Edith Wagner-Sonntag, Katharina Pichler, Sabine George:

Was tun bei Parkinson?

Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige

ISBN-9783824805136

Schulz-Kirchner Verlag

Taschenbuch, 72 Seiten

EUR 8,99


Doris Hölzel:

Guten Morgen, Parkinson

ISBN-9783954861156

Projekte-Verlag

Gebundene Ausgabe
91 Seiten

EUR 10,50



Adressen

Zentrum für Neurologie

Hertie-Institut für klinische Hirnforschung

Abteilung Neurodegenerative Erkrankungen

Hoppe-Seyler-Straße 3, 72076 Tübingen

Telefon 0 70 71 / 2 98 20 49

Fax 0 70 71 / 29 52 60

www.hih-tuebingen.de


Deutsche Parkinson Vereinigung e. V.

Bundesverband

Moselstraße 31, 41464 Neuss

Telefon 02131/740 270, Fax 0 21 31 / 4 54 45

www.parkinson-vereinigung.de

E-Mail: info@parkinson-vereinigung.de


Deutsche Parkinson-Gesellschaft (DPG) e. V.

Priv.-Doz. Dr. Horst Baas

Chefarzt Stadt-Krankenhaus Hanau

Leimenstraße 20, 63450 Hanau

Telefon 0 61 81 / 2 96 63 10

Fax 0 61 81 / 29 66 32

E-Mail: info@parkinson-gesellschaft.de

www.parkinson-gesellschaft.de

AG Parkinson Nurse

c/o Frau Dorothee Gruler

Universitätsklinik für Neurologie

Arnold-Heller-Str. 3, Haus 41, 24105 Kiel

Telefon 04 31 / 5 97 85 44

Fax 04 31 / 5 97 50 01

E-Mail: d.gruler@neurologie.uni-kiel.de


Kompetenznetz Parkinson

Klinik für Neurologie

Baldingerstraße, D-35043 Marburg

Telefon 0 64 21 / 5 86 54 39

Fax 0 64 21 / 5 86 54 59

www. kompetenznetz-parkinson.de

E-Mail: mahlae@med.uni-marburg.de


Neurozentrum Stuttgart Mitte

Neurologische Gemeinschaftspraxis

Sophienstraße 41, 70178 Stuttgart

Telefon 07 11 / 6 20 31 77-0

Fax 07 11 / 6 20 31 77-99

Internet: www.neurozentrum-stuttgart.de

E-Mail: info@neurozentrum-stuttgart.de

Parkinson Café

Pflegeberatung für Menschen mit Morbus Parkinson

unser-treff e.V., Noltestr. 2, 30451 Hannover

Telefon 05 11 / 2 13 43 14, Fax 05 11 / 2 13 42 99

www.parkinsoncafe.de, info@parkinsoncafe.de


Gertrudis-Klinik Biskirchen
Parkinson-Zentrum

Karl-Ferdinand-Broll-Straße 2-4

35638 Leun-Biskirchen

Telefon 0 64 73 / 3 05-0, Fax 0 64 73 / 3 05-57

Parkinson-Center@t-online.de

www.parkinson.de


Parkinson-Klinik Wolfach GmbH & Co. KG

Neurologisches Krankenhaus

77709 Wolfach, Kreuzbergstraße 12-24

Telefon 0 78 34 / 971-0, Fax 0 78 34 / 49 30

info@parkinson-klinik.de

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im Internet unter: www.parkinson-kliniken.de