Samstag, 16.12.2017

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Leitthema Netzwerke

Netzwerke

Im Leben und im Internet – gemeinsam geht es besser

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Sein Potenzial entfaltet sich erst im Zusammenspiel mit anderen. So sehr sind wir auf die Gemeinschaft anderer angewiesen, dass sogar unsere Gesundheit massiv davon beeinflusst wird. Die Theorie der Salutogenese spricht von wichtigen Ressourcen, die Gesundheit und Widerstandskraft gegen negative Einflüsse bestimmen. Dazu zählen auch Anzahl und Qualität der sozialen Beziehungen. Einsamkeit erhöht das Risiko schwerer Erkrankungen. Auch der Umkehrschluss ist richtig: wer Gemeinschaft pflegt, fühlt sich nicht nur gesünder, er oder sie lebt auch länger. Gerade für ältere Menschen ist daher ein funktionierendes Netzwerk wichtiger Teil der persönlichen Gesundheits- und Altersvorsorge.


Die Familie ist nicht nur Deutschlands größter Pflegedienst, sondern auch Deutschlands größte Selbsthilfeorganisation. Aus gutem Grund unterstützt der Staat nur dort, wo die natürlichen Strukturen der Familie nicht ausreichen. Sei es die Pflege oder die Betreuung – zunächst sind die Angehörigen erste Ansprechpartner wenn es darum geht, einen pflegebedürftigen Menschen zu versorgen. Doch auch lange davor entfaltet eine funktionierende Familie ihre Wirkung, indem sie ihre natürlichen Funktionen ausübt.

Die Großfamilie, in der mehrere Generationen unter einem Dach leben, ist in unserer postmodernen Gesellschaft eine seltene Ausnahme. Ihre Schattenseiten – Enge, Unfreiheit und gegenseitige soziale Kontrolle – wird sicher niemand vermissen. Wie tragfähig moderne Patchwork-Familien sind, wird sich noch beweisen müssen. Ihre Kritiker sprechen schon von „Patch don´t work“-Familien. Tatsache ist jedoch, dass sich immer mehr Menschen familienähnliche Strukturen selbst zusammenbauen. Freunde, Nachbarn, ehemalige Kollegen, Menschen mit gemeinsamen Hobbys oder aber auch gezielt gesuchte Bekanntschaften ersetzen heute in vielen Fällen die nicht vorhandene oder brüchige Familie.


Grenzen der Familienleistungen

Die heute übliche Kernfamilie ist sozial deutlich weniger leistungsfähig. Die anfallenden Lasten und Aufgaben sind auf wenige Schultern verteilt. In vielen Fällen ist eine „normale“ Familie nicht in der Lage, die anfallenden Aufgaben der Unterstützung und des Beistandes für ihre älteren und schwächeren Mitglieder zu leisten. Oft leben Eltern und Kinder aus beruflichen Gründen räumlich weit voneinander getrennt. Und die Fixierung eines älteren Menschen auf seine Familie kann auch zu Belastungen führen, weiß Ursula Lenz von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO): „Die Familie kann ein Gefühl emotionaler Sicherheit geben, doch sie ist kein Garant dafür. Familienstrukturen können auch durchaus verhärtet sein und solche Strukturen können ein selbstbestimmtes Altern im Sinne von Selbstverwirklichung erschweren. Es kann zwischen den Generationen zu Konflikten darüber kommen, wie das Altern auszusehen hat. Konkret könnten die Eltern den Wunsch haben, endlich zu reisen, ihre Kinder aber erwarten, dass sich die Großeltern um die Enkelkinder kümmern.“


Wandel der Netzwerke

Netzwerke verändern sich mit den Lebenssituationen ihrer Mitglieder. Während der Zeit der Kindererziehung stehen andere Dinge im Mittelpunkt des Inte­resse. Die Zusammensetzung des Netzwerks besteht aus Menschen mit Kindern im Erziehungsalter. Während der Berufstätigkeit sind Kolleginnen und Kollegen, Geschäftspartner und -Kontakte wichtig. Man sollte jedoch seine Netzwerke nicht nur dem Zufall oder den natürlichen Gegebenheiten überlassen. Wenn ältere Menschen nach dem Berufsleben versäumen, sich ein neues soziales Netzwerk zu bauen, werden sie vom Wechsel der Lebenssituation und dessen Auswirkungen überrascht. „Sie neigen dann dazu, sich zu sehr an die Familie zu klammern, und fordern, dass sich ihre Kinder nun mehr um sie kümmern müssen. Diese sind aber in der Regel berufstätig und nicht in der Lage, die Mutter mehrmals in der Woche zu besuchen“, sagt Ursula Lenz.


Soziales Engagement

Der beste Weg, sein soziales Netzwerk aktiv zu gestalten, ist ein freiwilliges Engagement in einer Gruppe. Während im ländlichen Raum Vereine und traditionelle Vereinigungen fest im sozialen Leben verankert sind, leben Stadtbewohner meist isolierter. Doch auch in Städten gibt es viele Anlaufstellen. Es sind Bildungs- und Begegnungsstätten, kirchliche und städtische Einrichtungen für Senioren und eine Vielzahl von privaten Initiativen und Vereinigungen.

Ursula Lenz: „Wenn es älteren Menschen gelingt, ein neues Netzwerk aufzubauen, wird dadurch auch die Beziehung zu den Kindern entlastet und spürbar verbessert. Das jedenfalls zeigen meine Erfahrungen aus der sozialen Arbeit, die ich viele Jahre in Köln machte. Die Bildungs- und Begegnungsstätte, die ich leitete, bot ein großes Spektrum von Veranstaltungen an – von Sport über Sprachen bis zu Kreativangeboten. Viele der Frauen, die begannen, sich für die Angebote zu interessieren oder sich gar ehrenamtlich zu engagieren, sind regelrecht aufgeblüht. Sie haben sich einen neuen Aktionsraum geschaffen und wieder ein Stück mehr Sinn im Leben gefunden. Und dabei wurden auch die Beziehungen zur eigenen Familie wieder entspannter, weil der Druck auf die Kinder nachließ, sich um die Eltern kümmern zu müssen. Der geweitete Lebenskreis bringt außerdem eine Vielzahl von Themen mit sich, die eine Verbindung zwischen den Generationen schafft.“


Tauschbörsen

Ein besonders interessantes Angebot bieten sogenannte Talent-Tauschbörsen. Dort werden Dienstleistungen getauscht. Jedes Mitglied gibt, was es am besten kann: Handwerkliche Tätigkeiten oder Computerkenntnisse. Manche bieten an zu kochen, andere helfen beim Verfassen von Anschreiben. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Als „Währung“ fungieren die „Talente“. Die Organisation wirkt als Bank. Sie führt die Talentkonten der Mitglieder. Für jede Stunde Dienstleistung – gleich welcher Art – wird eine festgelegte Menge Talente erworben und auf dem Konto des Dienstleistenden gutgeschrieben. Für diese Talente kann er dann den Dienst eines anderen Mitglieds in Anspruch nehmen. Es gibt keine Zinsen, keinen Kredit und die Talente können auch nicht in Geld umgetauscht werden.

Zeitbank 55+

Nicht jeder geht wohlhabend in den Ruhestand. Was Menschen jenseits des Berufslebens jedoch meist im Überfluss haben, ist Zeit. Doch Zeit ist ein höchst flüchtiges Gut. Die Initiatoren der Zeitbank 55+ haben einen Weg gefunden, wie sich Zeit ansparen lässt. Der gemeinnützige Verein fördert die Nachbarschaftshilfe. Man leistet Hilfe und bekommt dafür Stunden gutgeschrieben. Bei Bedarf kann man auf dieses Konto zurückgreifen und die Stunden in praktische Hilfsleistungen umwandeln lassen.

Neue Mitglieder bringen beim Eintritt in den Verein ihre Kenntnisse und Fähigkeiten mit. Bei regelmäßigen Stammtischen werden Angebote und Bedürfnisse ausgetauscht und zusammengeführt. Angebot und Nachfrage regeln die Hilfeleistungen. Der Verein verwaltet die getauschten Stunden über sogenannte Zeitschecks. Diese können auch für andere verwendet werden, etwa als Geschenk an pflegende Angehörige. Die Zeitbank 55+ wurde in Österreich gegründet. Dort gibt es schon mehr als 30 Vereine Zeitbank55+, in Deutschland wurde 2009 die erste Zeitbank 55+ gegründet.


Das Netzwerk im Internet

Die älteren Leserinnen und Leser werden sich erinnern: Es gab früher ein Leben ohne Internet. Auch heute lehnen eine ganze Reihe von älteren Menschen das Internet für sich kategorisch ab. Doch heute scheint es, ohne Internet ist das Leben für viele unmöglich. Und viele Seniorinnen und Senioren haben das Internet längst für sich entdeckt. Sie sind die am schnellsten wachsende Gruppe von Internetnutzern. Sie informieren sich, sie versenden und empfangen E-Mails. Dabei steht meist die Familie im Mittelpunkt. Denn rein virtuell bleiben die Internet-Kontakte der Senioren selten. Lisa Frohn, Autorin und private Altersforscherin, nennt dafür ihre persönlichen Gründe: „Der virtuelle Kontakt reicht mir zum Informationsaustausch auf allen Ebenen und in allen Bereichen bis zu einem ,gewissen Punkt‘. Ab einer bestimmten emotionalen Intensität – ob im Harmonischen oder im Konfliktiven – brauche ich persönlichen Kontakt. Wenn persönlicher Kontakt nicht möglich ist, nimmt auch der virtuelle Kontakt an Intensität ab. “ (www.altwildundweise.com)

Auf der Homepage des Vereins „Senioren-Lernen-Online“ treffen sich Teilnehmer in Internet-Stammtischen. Es geht um Themen wie „Mit mobilen Geräten ins Internet“ oder allgemeine Hilfestellung zum Umgang mit Computern. Man macht gemeinsam virtuelle Museumsbesuche oder ein „Stammtisch“ plant regelmäßige Zusammenkünfte, um gemeinsam Radiosendungen zu erstellen, die man sich im Internet als sogenannte Podcasts anhören kann. Der Verein „Virtuelles und reales Lern- und Kompetenz-Netzwerk älterer Erwachsener“ (ViLE) wurde 2002 gegründet. Er bietet E-Learning-Kurse an, seine Mitglieder beschäftigen sich mit Reisen und Literatur. Und es werden aktuelle politische Themen diskutiert.

Facebook und Twitter werden selten von älteren Menschen genutzt. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie erfahren haben, dass man Freundschaft nicht einfach über einen Mausklick erwerben kann. Dennoch gibt es Internet-Pioniere, die das Thema Alter aufgreifen und mit ihren Beiträgen öffentlich diskutieren. Dazu zählen sicher auch Frau Renate Bergmann, die Großmutter(?) der Fernsehmoderatorin Sarah Kuttner, oder die bereits zu Wort gekommene Lisa Frohn.


Vereine, Organisationen

Selbsthilfeorganisationen könnten heutzutage ohne Homepages nicht funktionieren. Neben den schon traditionellen Formen der Homepage präsentieren sich Betroffenen­initiativen auch bei Facebook und über Twitter. Leider hinken deutsche Selbsthilfeorganisationen in der Nutzung von Twitter & Co. deutlich hinterher. Englische und amerikanische Patienteninitiativen sind hier schon deutlich besser aufgestellt. Auch einzelne Betroffenen nutzen dort Twitter, um Projekte bekannt zu machen oder um Hilfe und Unterstützung zu finden.


Fazit

Netzwerke – ob im Internet oder im realen Leben – stützen und unterstützen ihre Mitglieder und sind ein wichtiges Element der Altersfürsorge und -gestaltung. Die gesellschaftlichen Strukturen wandeln sich und mit ihnen die Möglichkeiten. Neue Formen des Miteinanders werden erprobt und sind auch dringend notwendig.

Den Netzwerken kommen in einer alternden Gesellschaft wichtige soziale Aufgaben zu. Wie der Autor Klaus Dörner nicht müde wird zu betonen, müssen wir uns auf den Weg zu mehr nachbarschaftlicher Nähe und Solidarität machen.



Klaus Dörner:

Helfensbedürftig

Heimfrei ins Dienst­leistungsjahrhundert

ISBN-9783940636188

Paranus Verlag

Taschenbuch, 248 Seiten

EUR 19,95



Norma Junge

Soziale Netzwerke im Alter

Unterstützungspotentiale für die Gesundheit

AV Akademikerverlag

ISBN-9783639444766

Gebunden, 164 Seiten

EUR 59,00



Jutta Schneider:

Bildung im Netz ohne Altersschranken

Grundlagen, Chancen, Perspektiven

ISBN-9783639443974

AV Akademikerverlag

Taschenbuch, 164 Seiten

EUR 49,00


Der große Internet-Ratgeber für Senioren

Ausgewählt und zusammengestellt von PC-Wissen für Senioren

ISBN-9783812516112

VNR-Verlag für die deutsche Wirtschaft

Taschenbuch, 376 Seiten

EUR 39,80



www.bagso.de

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen ist der Dachverband der aktiven Senioren in Deutschland.


www.feierabend.de

Eines der ältesten Seniorenportale im Netz. Organisiert in Ortsgruppen treffen sich die Mitglieder online und offline an Stammtischen.


www.senioren-lernen-online.de

Virtuelle Museumsbesuche, Stammtische und viele Infos zu Themen wie Computer, Internet auf mobilen Endgeräten und vielem mehr


www.talent-experiment.de

Eine Tauschbörse, bei der Nachbarschaftshilfe mit „Talenten“ bezahlt wird


www.zeitbank55plus.at

Helfen und helfen lassen – die Mitglieder der Zeitbank helfen einander und können sich Stundenguthaben aufbauen.


www.spes.de

Zukunftsprojekte für eine Gesellschaft im Wandel


www.altwildundweise.com

Ein hochinteressantes Forum rund um das Thema Altern der Autorin und privaten Altersforscherin Lisa Frohn


www.seniorbook.de

Das facebook für die Generation 60+


www.stayfriends.de

Hier kann man alte Schulfreundschaften finden und pflegen.



Beiträge aus vorherigen Ausgaben:

Netzwerke
Der sprichwörtliche „Frosch im Hals“ ist nicht nur eine leichte Störung
Diagnose Schluckstörung
Der sprichwörtliche „Frosch im Hals“ ist nicht nur eine leichte Störung
Salutogenese
oder: Wo kommt Gesundheit her?