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Leitthema Biografie
Interview mit Barbara Volle:
„Die Lebensgeschichte vor dem Vergessen bewahren.“
Barbara Volle ist professionelle Biographin und Vorstandsmitglied
der Deutschen Biographischen Gesellschaft. Sie lebt und arbeitet im Nordschwarzwald. Die Fragen stellte Harald Spies.
Frau Volle, was qualifiziert Sie für Ihre Tätigkeit als Biographin?
Zum einen ein akademischer Abschluss als Literaturwissenschaftlerin mit anschließender Redakteurinnen-Tätigkeit bei einer Tageszeitung, was professionelle Qualität in punkto Handwerk des Schreibens gewährleistet. Und zum anderen das, was heute gerne als „softskills“ bezeichnet wird: Die Fähigkeit, dem Gesprächspartner aktiv, das heißt konzentriert und aufmerksam, zuzuhören, passende Fragen zu stellen, die im jeweiligen Moment den Gesprächsfluss positiv beeinflussen und die den Gesprächspartner zum freien Erzählen anregen. Und nicht zuletzt die Fähigkeit, sich in den jeweiligen Menschen hineinzuversetzen und seine Lebensgeschichte so zu erfassen und in geschriebene Sprache zu transformieren, dass sie diesem jeweiligen Menschen gerecht wird.
Wer wendet sich an Sie mit der Bitte um Hilfe bei der Biographieerstellung?
Die unterschiedlichsten Menschen. Darunter sind auch jüngere Menschen, die ein bestimmtes Thema ihres Lebens in Buchform festgehalten haben möchten. Vorwiegend sind es jedoch ältere Menschen, die ihren Kindern und vor allem ihren Enkelkindern ihre Lebensgeschichte in Form eines schönen Buches hinterlassen möchten.
Was sind die Motive vonAutobiographen?
Die eigene Lebensgeschichte vor dem Vergessen zu bewahren, längst Vergangenes und Überholtes ins Bewusstsein der nachfolgenden Generationen zu bringen (zum Beispiel Erlebnisse im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg), ein Stück weit auch die Erklärung der eigenen Person gegenüber den Kindern und Enkelkindern. Die Menschen geben ihre Erinnerungen und Gedanken weiter, um den Lesenden damit zu ermöglichen, sich ein Bild zu machen, diesen Menschen vielleicht in einem ganz anderen Licht als bisher zu sehen. Wer seine Geschichte in Buchform festhält, bestimmt damit selbst, wie er gerne in Erinnerung behalten werden möchte, und gibt dem einen oder der anderen die Möglichkeit, das eigene Urteil zu überdenken.
Wie können Sie jemandem zur Seite stehen, der seine Biographie verfassen will?
Wir treffen uns zunächst zu einem Vorab-Gespräch, bei dem dieser Mensch seine Vorstellungen und Wünsche äußert, und bei dem ich die weitere Vorgehensweise erläutere. Der Mensch muss im Grunde nur seine Lebensgeschichte erzählen, die Gespräche werden aufgezeichnet. Alles weitere, zum Beispiel Erstellen des Textes, Lektorat, Erstellen des Layouts, Druckabwicklung, übernehme bzw. veranlasse ich. Die Gespräche dauern zwischen drei und vier Tage, sie finden in der Regel im häuslichen Umfeld des Erzählenden statt. Ich nehme mir viel Zeit dafür. Gemeinsam werden dann die zum Text passenden Fotos ausgesucht und die Ausstattung des Buches festgelegt. Das Erstellen des Buchtextes dauert zwischen drei und sechs Monaten.
Hat das Schreiben der eigenen Biographie auch selbst-therapeutische Nebeneffekte?
Ja, in jedem Fall. Das Erzählen und vor allem das schriftliche Festhalten der eigenen Lebensgeschichte beinhaltet zugleich auch ein Loslassen des Vergangenen. Außerdem trägt es dazu bei, die eigene Geschichte zu ordnen, bestimmte, immer wiederkehrende Themen auszumachen und oftmals auch so etwas wie den roten Faden aufzufinden. Der Prozess ist anstrengend, er kann zeitweise auch belastend sein. Ein inneres Aufatmen über die gemeisterte Aufgabe und nicht zuletzt die Freude über das eigene Buch bringen jedoch ein Vielfaches an persönlichem Gewinn.
Frau Volle, herzlichen Dank für das Gespräch.
