Themenauswahl:
Gemeinschaft:
Worte für die Woche


Sozialstaat
Kategorie: Worte der WocheEs ist einem alles gegeben
Das Leben beginnt ungerecht, und es endet ungerecht,
und dazwischen ist es nicht viel besser. Der eine wird mit
dem silbernen Löffel im Mund geboren, der andere in der
Gosse. Der eine zieht bei der Lotterie der Natur das große
Los, der andere die Niete. Der eine erbt Talent und Durch-
setzungskraft, der andere Aids und Antriebsschwäche.
Die Natur ist ein Gerechtigkeitsrisiko. Der eine hat eine
Mutter, die ihn liebt, der andere einen Vater, der ihn hasst.
Der eine kriegt einen klugen Kopf, der andere ein schwaches
Herz. Bei dem einen folgt einer behüteten Kindheit eine
erfolgreiche Karriere. Den anderen führt sein Weg aus dem
Ghetto direkt ins Gefängnis. Die eine wächst auf mit Büchern,
der andere mit Drogen. Der eine kommt in eine Schule, die
ihn stark, der andere in eine, die ihn kaputt macht. Der eine
ist gescheit, aber es fördert ihn keiner; der andere ist doof,
aber man trichtert ihm das Wissen ein. Der eine müht sich
und kommt keinen Schritt voran, der andere müht sich nicht
und ist ihm hundert voraus. Der eine ist sein Leben lang
gesund, die andere wird mit einer schweren Behinderung
geboren. Die besseren Gene hat sich niemand erarbeitet,
die bessere Familie auch nicht. Das Schicksal hat sie ihm
zugeteilt… Es teilt ungerecht aus, und es gleicht die Ungerechtigkeiten
nicht immer aus. Hier hat der Sozialstaat seine Aufgabe. Er sorgt dafür,
dass der Mensch reale, nicht nur formale Chancen hat. Der
Sozialstaat ist, mit Maß und Ziel, Schicksalskorrektor. Er
erschöpft sich also nicht in der Fürsorge für Benachteiligte,
sondern zielt auf den Abbau der struktuellen Ursachen.
Herbert Prantl

