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Worte für die Woche

Worte für die Woche

 

22.09.2008 05:09 Alter: 4 Jahre
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Sozialstaat

Kategorie: Worte der Woche

Es ist einem alles gegeben

 

Das Leben beginnt ungerecht, und es endet ungerecht,

und dazwischen ist es nicht viel besser. Der eine wird mit

dem silbernen Löffel im Mund geboren, der andere in der

Gosse. Der eine zieht bei der Lotterie der Natur das große

Los, der andere die Niete. Der eine erbt Talent und Durch-

setzungskraft, der andere Aids und Antriebsschwäche.

Die Natur ist ein  Gerechtigkeitsrisiko. Der eine hat eine

Mutter, die ihn liebt, der andere einen Vater, der ihn hasst.

Der eine kriegt einen klugen Kopf, der andere ein schwaches

Herz. Bei dem einen folgt einer behüteten Kindheit eine

erfolgreiche Karriere. Den anderen führt sein Weg aus dem

Ghetto direkt ins Gefängnis. Die eine wächst auf mit Büchern,

der andere mit Drogen. Der eine kommt in eine Schule, die

ihn stark, der andere in eine, die ihn kaputt macht. Der eine

ist gescheit, aber es fördert ihn keiner; der andere ist doof,

aber man trichtert ihm das Wissen ein. Der eine müht sich

und kommt keinen Schritt voran, der andere müht sich nicht

und ist ihm hundert voraus. Der eine ist sein Leben lang

gesund, die andere wird mit einer schweren Behinderung

geboren. Die besseren Gene hat sich niemand erarbeitet,

die bessere Familie auch nicht. Das Schicksal hat sie ihm

zugeteilt… Es teilt ungerecht aus, und es gleicht die Ungerechtigkeiten

nicht immer aus. Hier hat der Sozialstaat seine Aufgabe. Er sorgt dafür,

dass der Mensch reale, nicht nur formale Chancen hat. Der

Sozialstaat ist, mit Maß und Ziel, Schicksalskorrektor. Er

erschöpft sich also nicht in der Fürsorge für Benachteiligte,

sondern zielt auf den Abbau der struktuellen Ursachen.

Herbert Prantl