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Mehr Unabhängigkeit für die Patienten
Kategorie: Gesundheit + Wellness, Ratgeber, Schlagzeilen Experteninterview mit PD Dr. med. Andrea Rubbert-Roth zum Thema „Rheuma“
Rheumatoide Arthritis gehört zu den besonders schmerzhaften Krankheiten des rheumatischen Formenkreises. Was man genau darunter versteht und welche Therapiemöglichkeiten es gibt, erklärt uns Frau Dr. Andrea Rubbert-Roth im Interview.
Frau Dr. Rubbert-Roth ist Oberärztin für Klinische Immunologie und Rheumatologie an der Klinik I für Innere Medizin, Universitätsklinikum Köln. Kongresspräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). Schwerpunkte: Rheumatoide Arthritis, Studien zur Behandlung mit Biologicals.
„Mehr Unabhängigkeit für die Patienten“
1. Rheumatoide Arthritis gehört zu den besonders schmerzhaften Krankheiten des rheumatischen Formenkreises. Was muss ich mir konkret darunter vorstellen?
PD Dr. Rubbert-Roth: Rheuma bezeichnet umgangssprachlich Beschwerdebilder und Krankheiten mit Schmerzen und Funktionseinschränkungen am Bewegungssystem (Gelenke, Wirbelsäule, Knochen, Muskeln und Sehnen). Die Rheumatoide Arthritis ist eine chronisch verlaufende rheumatische Erkrankung, die mit wiederholt auftretenden schmerzhaften Schwellungen an den Gelenken, z.B an den Händen und Füßen, einhergeht. Auch eine Steifigkeit der Gelenke am Morgen, die erst im Tagesverlauf oder nach längerer Bewegung nachlässt, gehört dazu.
2. Ist in nächster Zukunft ein Anstieg der Krankheitszahlen zu erwarten?
PD Dr. Rubbert-Roth: Nein, die Rate der Neuerkrankungen (Inzidenz) und die Anzahl der aktuell betroffenen Personen (Prävalenz) bleibt derzeit stabil.
3. Wie kommt es, dass die Krankheit nicht im Alter, sondern häufig bereits zwischen dem 35. und 55. Lebensjahr auftritt?
PD Dr. Rubbert-Roth: Die Ursachen dafür sind unbekannt. Sowohl genetische Faktoren als auch Umweltfaktoren beeinflussen aber die Erkrankung, insbesondere das Rauchen.
4. Warum sind Frauen häufiger betroffen als Männer?
PD Dr. Rubbert-Roth: Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer. Die genauen Ursachen sind nicht bekannt. Es wird vermutet, dass hormonelle Unterschiede dazu führen, da Östrogene einen stimulierenden Effekt auf das Immunsystem haben. Frauen in und nach den Wechseljahren werden damit aber anfälliger.
5. Sind Behandlungen mit Kortison oder klassischen Schmerzmedikamenten überhaupt noch zeitgemäß?
PD Dr. Rubbert-Roth: Ja. Solche Medikamente werden gerade am Anfang in der akuten Situation eingesetzt, um Schmerzfreiheit zu erzielen oder die Entzündung zu bremsen, bis die eigentlichen Medikamente, Basismedikamente und Biologika, wirken. In niedriger Dosierung werden sie häufig unterstützend zur Basistherapie gegeben.
6. Welche Therapieoptionen gibt es?
PD Dr. Rubbert-Roth: Die Behandlung besteht meist in einer Kombination verschiedener medikamentöser und nichtmedikamentöser Therapiemaßnahmen (wie Krankengymnastik, Ergotherapie, physikalische Therapie). Um das Behandlungsziel – weitgehende Bewegungsmöglichkeit bei gleichzeitiger Schmerzfreiheit - zu erreichen, ist eine gute Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Hausarzt, Rheumatologe, Physiotherapeut und dem Betroffenen notwendig. Klassische Schmerzmittel, wie nichtsteroidale Antirheumatika, die sogenannten NSAR, lindern Schmerzen, Steifigkeit der Gelenke und andere Symptome der Entzündung und verbessern so die Mobilität. Zur Unterdrückung des Krankheitsprozesses ist eine Basistherapie mit Methotrexat, Sulfasalazin, Leflunomid oder anderen Substanzen erforderlich. Neue Medikamente aus der Gruppe der Biologika wie TNF-alpha-Hemmstoffe sind insbesondere bei unzureichender Wirkung der Basistherapien notwendig.
7. Wird die Behandlung mit Biologika immer von einer Schwächung des Immunsystems begleitet oder gibt es Ausnahmen?
PD Dr. Rubbert-Roth: Grundsätzlich kommt es zu einer Unterdrückung des Immunsystems. Dadurch kann es zu einer erhöhten Infektionsrate kommen, die sich von Patient zu Patient unterschiedlich bemerkbar machen kann.
8. Welche Wirkungen sind von modernen biopharmazeutischen Medikamenten zu erwarten? Gibt es Unterschiede?
PD Dr. Rubbert-Roth: Die modernen Therapien mit Biologika bieten bei guter Verträglichkeit eine zielgerichtete Behandlung der Erkrankung und sind stärker wirksam als die breit wirkenden Basismedikamente. Dabei sollten nicht nur die Symptome verbessert, sondern auch die Beweglichkeit erhalten und die Gelenkzerstörung aufgehalten werden. Allerdings gibt es bei den Wirkmechanismen ebenso wie in der Anwendung Unterschiede:
So kann das Medikament zum Beispiel per Infusion verabreicht oder aber unter die Haut gespritzt werden, was der Patient nach Anleitung durch den Arzt auch selbst machen kann. Für die Selbstanwendung gibt es aktuell auch patientengerechtere Spritzen, die eine Selbstinjektion durch den Patienten erleichtern. Die einfache und weitgehend schmerzfreie subkutane Gabe ermöglicht dabei die Unabhängigkeit und Therapietreue des Patienten.
9. Welche Rolle spielen der Tumornekrosefaktor alpha (TNF-a) und Interleukine für die Erkrankung und ihre Therapie?
PD Dr. Rubbert-Roth: TNF-alpha spielt eine Hauptrolle in der Entzündungsreaktion. Deshalb ist die am meisten genutzte Medikamentengruppe zur Behandlung die der TNF-alpha-Hemmer. Durch sie wird in die Signalkette der Entzündung eingegriffen, indem der für die Erkrankung zentrale Botenstoff TNF-alpha abgefangen wird.
10. Welche Bedeutung kommt bei der Therapie mit Biologika dem Moleküldesign zu?
PD Dr. Rubbert-Roth: Obwohl die sogenannten TNF-alpha-Inhibitoren grundsätzlich TNF-alpha hemmen, sind die derzeit zugelassenen Präparate hinsichtlich ihrer Molekülstruktur unterschiedlich. Das bedeutet, dass bei Nebenwirkungen oder Unwirksamkeit eines Präparates gegebenenfalls der Wechsel auf ein zweites Präparat sinnvoll sein kann.
11. Welche der innovativen Präparate können tatsächlich eine schnelle und andauernde Wirkung versprechen?
PD Dr. Rubbert-Roth: Typisch für TNF-alpha-Hemmer ist ein schneller Wirkungseintritt, wobei bis zur maximalen Wirkung ein Zeitraum von drei bis sechs Monaten vergehen kann.
- Ist Arthritis damit mittelfristig sogar heilbar oder welche Therapievisionen gibt es?
PD Dr. Rubbert-Roth: Es wird damit möglich, für mehr Patienten eine sogenannte Remission zu erreichen. Das meint einen Zustand, bei dem die Krankheitssymptome verschwunden sind und die Gelenkschädigung so weit verlangsamt oder gestoppt wird, dass der Patient seine Unabhängigkeit behalten kann. Dazu ist es allerdings nötig, für jeden einzelnen Patienten das optimal geeignete Medikament zu finden, was sehr viel Erfahrung durch den behandelnden Arzt voraussetzt.
Wir danken Dr. Rubbert-Rothund der djd für das zur Verfügung gestellte Interview.

