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Ratgeber

11.06.2010 13:46 Alter: 2 Jahre
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Ergebniss der Telefon-Ratgeberaktion vom 10.06.2010

Kategorie: Gesundheit + Wellness, Ratgeber, Schlagzeilen
Von: Herbstzeit Team

"Ab 35 sollte eigentlich jeder seine Cholesterinwerte kennen" Interview mit Prof. Dr. med. Jürgen Schäfer, Akademischer Direktor der Philipps-Universität Marburg und Dr.-R.-Pohl-Stiftungsprofessor für Präventive Kardiologie am Universitätsklinikum Marburg, Zentrum Innere Medizin - Kardiologie.

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"Ab 35 sollte eigentlich jeder seine Cholesterinwerte kennen"

Interview mit Prof. Dr. med. Jürgen Schäfer, Akademischer Direktor der Philipps-Universität Marburg und Dr.-R.-Pohl-Stiftungsprofessor für Präventive Kardiologie am Universitätsklinikum Marburg, Zentrum Innere Medizin - Kardiologie.


1.    Herzinfarkt ist die Todesursache Nummer Eins - nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen. Seine Entstehung ist gut erforscht. Was ist der aktuelle Wissensstand?

Prof. Schäfer: Wir wissen heutzutage sehr genau, dass einer der wichtigsten Faktoren für die Entstehung eines Herzinfarkts die Hypercholesterinämie, also ein Übermaß an schädlichen LDL-Cholesterin-Partikeln im Blut ist. Das LDL kann in die Gefäßwand eindringen und nach und nach zu Gefäßverkalkung bzw. Arteriosklerose führen. Derzeit ist allerdings noch unklar, warum es vor allem immer die Herzkranzarterien trifft. Mit unserer Marburger Hypothese gehen wir davon aus, dass es der hohe Energiebedarf ist, der das Herz so empfindlich für Gefäßverkalkungen macht. Darüber hinaus gibt es aber auch noch eine ganze Reihe weiterer Risikofaktoren wie ungesunder Lebensstil, Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, körperliche Inaktivität oder auch eine gewisse genetische Veranlagung.

2.    Warum sind immer häufiger auch Frauen betroffen? Woran liegt das?

Prof. Schäfer: Im Grunde genommen traf der Herzinfarkt schon immer Frauen und Männer gleichermaßen, die Frauen allerdings um etwa sieben Jahre später. Was wir jetzt jedoch beobachten, ist eine Zunahme von Herzinfarkten auch bei jüngeren Frauen. Dies lässt sich zum Teil auf einen geänderten Lebensstil zurückführen, wie zum Beispiel die Zunahme gerade auch an jungen Raucherinnen.

3.    Welche Rolle spielt eine erbliche Vorbelastung beim Herzinfarktrisiko? Woher weiß man, dass man gefährdet ist? Wie kann man dem begegnen und ab wann?

Prof. Schäfer: Wenn innerhalb einer Familie in direkter Blutsverwandtschaft vermehrt Herzinfarkte in jüngerem Alter auftreten, dann sollte man sensibilisiert sein. Einige der erblich angelegten Risikofaktoren wie ein erhöhtes LDL-Cholesterin können wir problemlos frühzeitig bestimmen und auch sehr gut behandeln. Leider gibt es aber auch eine Reihe von Faktoren, die wir noch nicht kennen und daher auch nicht gezielt behandeln können. Deshalb sollte man verstärkt auf die bekannten Risikofaktoren achten und einen gesunden Lebensstil pflegen.

4.    Immer wieder wird im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vom Risikofaktor Übergewicht gesprochen - andere sagen, nur Fettleibigkeit sei eine Gefahr. Was stimmt?

Prof. Schäfer: Letzteres stimmt, denn alleiniges Übergewicht mag vermehrt die Gelenke belasten und kann ein ästhetisches Problem sein, richtig gefährlich scheint aber nur die sogenannte abdominelle Fettleibigkeit, also der Bierbauch zu sein.

5.    Ab wann und wie oft sollte man den Cholesterinspiegel bestimmen
lassen? Reicht zur Einstufung des Risikos der Wert des Gesamt-Cholesterins aus?

Prof. Schäfer:
Wir empfehlen vor allem den direkten Verwandten unserer durch erhöhtes Cholesterin am Herzinfarkt erkrankten Patienten die Kontrolle ihrer LDL-Cholesterinspiegel. Dieser ist uns wichtiger als das Gesamt-Cholesterin. Auch bei Jugendlichen raten wir zur Kontrolle, um einen potentiellen Risikofaktor frühzeitig zu erkennen. Ab dem 35. Lebensjahr sollte eigentlich jeder seine Cholesterinwerte kennen und, falls die Werte normal sind, alle fünf Jahre kontrollieren lassen.

6.    Ärzte unterscheiden zwischen gutem HDL- und schlechtem LDL-Cholesterin. Sollte also idealerweise der HDL-Wert besonders hoch und der LDL-Wert möglichst niedrig sein?

Prof. Schäfer: So ist es. Im Grunde sollte das schädliche LDL-Cholesterin möglichst niedrig sein und das HDL-Cholesterin möglichst hoch. Das hat damit zu tun, dass die Gefäßverkalkung durch erhöhtes LDL verursacht wird, wohingegen das gute HDL-Cholesterin ein Zuviel an LDL-Cholesterin über die Leber zu entsorgen hilft und somit die Gefäßverkalkung aufhalten kann.

7.    Kann man mit richtiger und falscher Ernährung Einfluss auf die Cholesterinwerte nehmen oder ist diese Ansicht überholt? Und welche Rolle spielt Bewegung?

Prof. Schäfer: Es ist in der Tat so, dass die Ernährung einen wesentlichen Einfluss auf die Blutfettwerte hat. Daher ist eine gesunde Ernährung ein unverzichtbares Element bei jedweder Therapie von Stoffwechselerkrankungen. Häufig wird der Effekt einer Ernährungsumstellung aber auch überschätzt, der beispielsweise im Hinblick auf eine LDL-Senkung in der Regel zwischen zehn und 20 Prozent liegen kann. Es gibt aber auch Störungen, bei denen die beste Diät nichts bringt. Durch körperliche Aktivität kann vor allem das gute HDL-Cholesterin günstig beeinflusst werden.

8.    Was können moderne Medikamente bei der Behandlung von erhöhtem LDL-Cholesterin leisten?

Prof. Schäfer: Wir verfügen heute über ein ganzes Arsenal an hochwirksamen und sehr gut verträglichen Medikamenten, die den LDL-Spiegel effektiv senken können. Die sogenannten Statine sind in der Lage, die Rate an Herzinfarkten deutlich zu reduzieren und stellen die Basis jeder cholesterinsenkenden Behandlung dar. Falls eine alleinige Statintherapie nicht zum Ziel führt, dann können wir mit einer Reihe anderer Medikamente kombinieren, etwa mit Cholesterinaufnahmehemmern, Nicotinsäure, Fibraten, Gallensäureaufnahmehemmern oder Fischölkapseln.

9.    Wer muss eine Dauertherapie bekommen?

Prof. Schäfer: Alle Patienten, die bereits einen Herzinfarkt hatten oder unter arteriellen Gefäßproblemen leiden. Des Weiteren alle Personen, die ein erhöhtes Risiko für eine Koronare Herzkrankheit (KHK) aufweisen und es auf nichtmedikamentöse Weise nicht in den Griff bekommen. Um herauszufinden, wer ein erhöhtes Risiko hat, sind die im Internet abrufbaren Risikokalkulatoren hilfreich, etwa unter www.bnk.de/transfer/procam

LESERFRAGEN EXPERTENTELEFON "Herzinfarkt - Risiken rechtzeitig senken"


Die häufigsten Fragen zum Thema Herzinfarkt - Risikoprävention und Behandlung

Kann ich etwas machen, damit mein Herz-Kreislauf-System bis ins hohe Alter topfit bleibt - oder liegt es doch nur in den Genen?

Prof. Dr. Achim Weizel: Sowohl – als auch. Es gibt Menschen mit ausgesprochen guten Erbanlagen, die bis zum hohen Alter fit sind. Andererseits ist es erwiesen, dass ein gesunder Lebensstil, der mit Normalgewicht, Verzicht auf Zigaretten, körperliche Aktivität und einer ausgewogenen Mittelmeerkost einhergeht, die Chancen vergrößert, gesund alt zu werden. Bei Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen muss rechtzeitig und konsequent behandelt werden, um spätere Schäden zu vermeiden.

Meine Mutter ist Diabetikerin und nimmt seit einiger Zeit auch noch Medikamente gegen hohen Blutdruck. Nun sagt der Arzt, sie müsse auch ihr Cholesterin medikamentös senken. Können so viele Medikamente nicht schädlich sein?

Prof. Dr. Achim Weizel: Gerade bei Diabetikern ist es wichtig, das Cholesterin gut einzustellen, da Diabetiker sehr viel häufiger einen Herzinfarkt bekommen als Nicht-Diabetiker. Der Nutzen ist vielfach größer als die möglichen Nebenwirkungen.

Mein Mann hatte eine Bypassoperation und fühlt sich wie neu. Muss er trotzdem weiterhin Medikamente nehmen oder reicht eine entsprechende Ernährung?

Prof. Dr. Achim Weizel: In diesem Fall ist es absolut lebensnotwendig, dass die Medikamente regelmäßig weiter eingenommen werden. Dies gilt insbesondere für die Medikamente gegen zu hohes Cholesterin. Durch ihre Einnahme wird das Risiko eines neuen Infarkts verringert. Eine gesunde Ernährung ist dazu eine unabdingbare Voraussetzung.

Können Entspannungsübungen das Herzinfarktrisiko beeinflussen?

Prof. Dr. Achim Weizel:
Das lässt sich nur schwer beurteilen. Denn für eine entsprechende Wirkung von Entspannungsübungen auf das Herzinfarktrisiko gibt es keine gesicherten Daten. Allerdings kann es möglich sein, dass das subjektive körperliche Wohlbefinden der Patienten durch entsprechende Übungen gesteigert werden kann. Wie gut es ihnen tut, können die Betroffenen selbst am besten entscheiden.

Wie wird festgelegt, welche Cholesterinwerte als gesund gelten und welche nicht?

Prof. Dr. Achim Weizel: Es gibt große weltweite Studien, in denen untersucht wurde, wie niedrig die Konzentration des als schädlich eingestuften LDL-Cholesterins im Blut sein muss, damit möglichst wenige Schäden auftreten. Die Daten beruhen auf der Untersuchung von vielen Menschen über lange Zeiträume, wobei sich die Zielwerte am individuellen Risiko orientieren. Je mehr Risikofaktoren vorliegen, desto niedriger sollte der LDL-Cholesterinwert sein. Zu den Risikofaktoren gehören: Alter, Rauchen, Diabetes und das gehäufte Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen innerhalb der Familie. Bei keinem oder lediglich einem Risikofaktor liegt der LDL-Cholesterin-Zielwert, den die Patienten mit Hilfe von Lebensstiländerungen und möglicherweise auch Medikamenten erreichen sollten, bei 160 Milligramm pro Deziliter (4,2 Millimol pro Liter). Bei mehr als zwei Risikofaktoren liegt der LDL-Zielwert bei 130 mg/dl (3,4 mmol/l). Bei Patienten mit Herzinfarkt wird ein Wert von unter 100 mg/dl (2,6 mmol/l) angestrebt. Gleichzeitig sollte der Wert des als positiv eingestuften HDL-Cholesterins immer über 40 oder besser 50 mg/dl liegen.

Meine Frau hat erhöhte Cholesterinwerte und isst nun überhaupt kein tierisches Fett mehr - soll das denn jetzt gesund sein?

PD Dr. Andreas Förster: Nun ja, ich will es mal anders herum formulieren: Kein tierisches Fett mehr zu essen, ist nicht primär ungesund. Dennoch ist ein kompletter Verzicht nicht zu empfehlen. Ich halte es generell für günstiger, auf eine ausgewogene Kost zu achten und dabei Nahrungsmittel mit hohem Cholesteringehalt, wie z. B. fettreiche Wurst- und Käsesorten, Speck, Butter oder Sahnejoghurt, zu meiden.

In meiner Familie sind gehäuft Herzinfarkte aufgetreten - auf welche Vorzeichen sollte ich achten?

PD Dr. Andreas Förster: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Eine familiäre Häufung von Herzinfarkten stellt zwar einen gewissen Risikofaktor dar. Dieser muss aber nicht jedes individuelle Familienmitglied betreffen. Daher würde ich Ihnen empfehlen, einen Arzt zu Rate zu ziehen und untersuchen zu lassen, ob möglicherweise weitere Risikofaktoren vorliegen, die die Gefahr eines späteren Infarkts nach sich ziehen könnten. Sollten jedoch bereits erste Beschwerden wie Herzschmerzen, Rhythmusstörungen oder Luftnot aufgetreten sein, dann ist eine dringende Abklärung bei einem Kardiologen ratsam.

Immer wieder liest man von der Cholesterinlüge. Was ist damit gemeint?

PD Dr. Andreas Förster: Die sogenannte Cholesterinlüge basiert auf einem Buch des mittlerweile emeritierten Chirurgen Prof. Hartenbach, der behauptet, dass es kein "böses Cholesterin" gäbe, weil Cholesterin lebensnotwendig sei. Nach Ansicht des Autors soll Cholesterin keinen Einfluss auf die Entstehung von Arteriosklerose und Herzinfarkt haben, weshalb auch die Cholesterinsenkung oft unnötig und schädlich sei. Allerdings werden in diesem Buch nicht die aktuellen Ergebnisse der Forschung und epidemiologischer Studien dargestellt. Wir wissen heute genau, dass ein niedriges Low-Densitiy-Lipoprotein-Cholesterin (LDL), insbesondere bei Vorliegen weiterer Risikofaktoren, das Auftreten von Krankheitsereignissen im Herz- und Gefäßsystem deutlich absenken kann. Im Umkehrschluss kommt damit natürlich auch der Senkung zu hoher LDL-Cholesterins ein positiver Nutzen zu.

Können blutdrucksenkende Mittel auch einen Einfluss auf die Cholesterinwerte haben?

PD Dr. Andreas Förster: Blutdrucksenkende Mittel haben in der Regel keinen Einfluss auf die Cholesterinwerte. Liegt neben einem erhöhten Blutdruck auch ein erhöhter Cholesterinwert vor, kann dieser mit speziellen Medikamenten wie beispielsweise Statinen positiv beeinflusst werden. Vor der medikamentösen Behandlung sollte jedoch eine konsequente Änderung des Lebensstils mit ausgewogener Ernährung, moderater Bewegung, Gewichtsreduzierung und Rauchstopp stehen.

 Mein Gesamtcholesterin liegt etwa bei 200 mg/dl – muss ich trotzdem die Untergruppen bestimmen lassen? Mein Arzt meint, das wäre unnötig, aber ich bin verunsichert...

PD Dr. Andreas Förster:
Ein Gesamtcholesterin von 200 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) oder 5,2 Millimol pro Liter (mmol/l) deutet nicht zwangsläufig auf ein konkretes Krankheitsrisiko hin. Erst die Bestimmung der Untergruppen - des „guten“ High-Density-Lipoprotein-Cholesterins (HDL) und des „schlechten“ Low-Density-Lipoprotein-Cholesterins (LDL) - kann näheren Aufschluss geben. Um eine klare Aussage zu bekommen, sollte man die individuellen Werte auf jeden Fall bestimmen lassen. Schließlich ist es ja auch möglich, dass ein vergleichsweise hohes Gesamtcholesterin durch einen durchaus erwünschten hohen HDL-Wert zustande kommt.

 Seitdem ich meinen Lipidsenker einnehme, habe ich Muskelschmerzen. Wie kommt das? Muss ich mit weiteren Neben- oder Wechselwirkungen rechnen, wenn ich das Mittel weiterhin einnehme?

Prof. Dr. Jürgen Schäfer: Muskelschmerzen sind leider eine gar nicht so seltene mögliche Nebenwirkung der Statine, die wir häufig erfolgreich zur Senkung hoher LDL-Cholesterinspiegel einsetzen. Diese Nebenwirkung ist durchaus ernst zu nehmen, da sie dauerhafte Schäden verursachen kann, und sollte unverzüglich dem Arzt gemeldet werden. Dieser kann dann über eine Beendigung oder den Wechsel der Therapie entscheiden.