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Geschichte und Geschichten
Hilfe - ich bin in Rente (Rentnerglosse 5) 01.10.08
Kategorie: Geschichte und Geschichten, LKR Bamberg, LKR Bayreuth, LKR Coburg, LKR Forchheim, LKR Hof, LKR Kronach, LKR Kulmbach, LKR Lichtenfels, LKR WunsiedelEs ist zum Haare raufen – im wahrsten Sinn des Wortes! Spätestens alle fünf bis sechs Wochen stehe ich nicht nur kritisch vor dem Spiegel sondern auch vor einer schwierigen Entscheidung.
Es sind meine Haare, die mich in einen starken Gewissenskonflikt bringen – allerdings erst seitdem ich in Rente bin. Zum einen würde es mir helfen, mein Rentnerbudget weniger zu belasten, wenn ich nun weitgehendst den Friseur meiden würde, d.h. ausschließlich hin und wieder nur Nachstutzen ließe, zum anderen käme ich mir wie Tante Klara zu ihren Lebzeiten vor. Diese kannte ich allerdings nicht anders als mit schwarz-grau-marmorierter Knotenfrisur. Plötzlich, von heute auf morgen, die Haare so zu belassen, wie sie die Natur nun mal im Laufe der Jahrzehnte geschaffen hat, nämlich graugescheckt, wäre nicht nur für mich selbst sehr gewöhnungsbedürftig.
Angenommen ich träfe jetzt, nach fünf Monaten Rentnerdasein, meinen ehemaligen Chef, dann würde der mich entweder gar nicht erkennen, also sozusagen über mich hinwegsehen, oder vermutlich die ehemaligen Kollegen und vor allem den Betriebsrat darüber informieren, mit meinem baldigen Ableben zu rechnen und schon mal die Grabrede für mich aufzusetzen.
Bislang waren meine rostgoldgetönten Haare so etwas wie mein Markenzeichen, eine individuelle Spezialmischung meines Friseurs. Ein Foto, während meiner Computertätigkeit vom Betriebszeitungsredakteur heimlich von hinten aufgenommen, dokumentiert dieses einmalige haarige Farbenspiel, welches ich nie so intensiv gesehen hatte, nicht einmal nach dem Friseurbesuch. Ich hege noch heute den leisen Verdacht, dass mit Hilfe einer Speziallinse eine farbliche Fata Morgana erzeugt wurde.
Obwohl ich, wie so viele Frauen, stets behaupte, dass mich mein Friseur nicht versteht, muss ich ihm fairerweise eine gewisse Kreativität in Sachen Farbtönungen zugestehen. Was die Frisur allerdings betrifft, reden wir oftmals aneinander vorbei, es sei denn, es ist so, wie die lieben Schwiegersöhne behaupten: Mein Gesicht passt nicht zu der Frisur, sprich: In faltigeren Jahren sollte man sich nicht mehr die modischen Fransen der jugendlichen Fernsehmoderatorinnen verpassen lassen!
Freilich – ich müsste meinem Friseur nicht unbedingt und um jeden (Färbe)-Preis treu bleiben, könnte also hemmungslos einen anderen testen, doch als Frischrentner muss ich weiß Gott genug Neuerungen hinnehmen, sodass ich mir coiffeurmäßig ein Fremdgehen derzeit ersparen möchte.
Logisch - die Männer stehen meist zu ihren silbernen Schläfen und später auch zum insgesamt ergrauten Haupthaar.
Ich konnte mich jedenfalls bis jetzt nie dazu durchringen, mich mit der naturgewollten, angeblich von meiner Mutter vererbten, braun-grauen Straßenköterhaarpracht auf die Straße bzw. zum Dienst zu wagen. Selbst meine Mutter versuchte damals, so mit Mitte Vierzig, die überhandnehmenden „Silberfäden“ mit einem haselnussgefärbten Spezialkamm verschwinden zu lassen, mit mehr oder weniger gutem Resultat. Ein Großteil der Farbe fand sich auf dem Kopfkissen wieder. Im Rentenstand allerdings konnte sie sich den Luxus des Färbens, das durchaus praktiziert wurde, nicht leisten.
„Es ist alles Gewohnheit, eigentlich solltest du jetzt auch mal äußerlich dazu stehen, Oma und Rentnerin zu sein und dich damit abfinden, älter zu werden“, meinte kürzlich eine Bekannte, die bereits seit vielen Jahren eine kleidsame Kurzhaarfrisur trägt, und zwar in gilbstichiger Wasserstoffbleiche. Ja, es ist eben alles Gewohnheit.
Wenn nur der Übergang, das Herauswachsen der Echtfarbe aus der Falschfarbe nicht so peinlich wäre. Allein schon die Vorstellung, mit total geschecktem, dreifarbigem Haar aus dem Haus zu gehen, bereitet mir Komplexe. Gut, es gäbe einige Alternativen: Als einfachstes Vertuschungsaccessoire würde sich ein kleidsamer Hut anbieten, den ich mir allerdings auch erst für teures Geld besorgen müsste. Leider habe ich aber absolut kein Hutgesicht, ich würde mir und anderen total verkleidet vorkommen. Ein Überwintern im Süden unter all den fremden Leuten böte sich eventuell dafür an, wobei dies unter Umständen mehr kosten würde als die sechs-wöchentliche Färbeprozedur. Dann wäre da noch die fliederfarbige Rentnerdauerwelle, die den „old Ladies“ mit ebenso eingefärbten Schoßhündchen eigen ist und von einigen Kaffeekränzchendamen nach wie vor stolz präsentiert wird.
„Das ist aber jetzt nicht ernst gemeint“, empört sich mein Friseur, als ich ihn nach seiner professionellen Meinung zwecks silbergrauer Tönung frage. „Ich bitte sie, in der heutigen Zeit muss sich doch wirklich keine Frau auf Alt stylen lassen – im Gegenteil – ich werde ihnen eine Coloration ins Haar zaubern, die sie wie ein Modell in den allerbesten Jahren wirken lässt!"
„Und in meiner heutigen Zeit als Rentner“, antworte ich, „grenzt das Haarefärben beinahe schon an finanzielle Verschwendung - es sei denn, ich könnte mir als reifes Modell ein kleines Zubrot verdienen.“ Das wäre überhaupt eine Superidee – und was nicht ist, kann ja noch werden!
von Literarin Sonja Keil

