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Geschichte und Geschichten

01.09.2008 06:06 Alter: 3 Jahre
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Hilfe - ich bin in Rente (Rentnerglosse 4) 01.09.08

Kategorie: Geschichte und Geschichten, LKR Bamberg, LKR Bayreuth, LKR Coburg, LKR Forchheim, LKR Hof, LKR Kronach, LKR Kulmbach, LKR Lichtenfels, LKR Wunsiedel

Es gibt da ein Problem – und es bereitet mir zum ersten Mal in meinem Leben Kopfzerbrechen. Seither, d.h. als ich noch regelmäßig morgens gegen 7.00 Uhr an meinem Schreibtisch saß und diesen gegen 16.00 Uhr wieder verließ,

Sonja Keil

war es überhaupt keine Frage, wann ich mein Brot, das Gemüse, die Steaks usw. einkaufen würde. Es war sozusagen eine in Fleisch und Blut übergegangene Selbstverständlichkeit, um nicht zu sagen ein beinahe tägliches Ritual, nach Dienstschluss zum Bäcker, Metzger oder Supermarkt zu fahren. Warum hätte ich auch eine Extrafahrt unternehmen sollen, wo ich doch nun mal sowieso mit dem Auto unterwegs war.

Na gut, manchmal riskierte ich auch einen kleinen Umweg, besonders wenn ich Appetit auf Mohnschnecken hatte, die es nur bei einem ganz bestimmten Bäcker außerhalb der Einkaufsmeile gibt. Und um die besten Bauernwürste zu bekommen, musste ich 4 km Zusatzstrecke zurücklegen. Alles in allem aber wurde der Einkauf im nächsten Supermarkt erledigt und basta. Freitags war ich sogar in der Lage, meinen Wochenendeinkauf ab 13.00 Uhr zu erledigen, dank der 38 ½ Std.-Woche.

Samstags nie hieß meine Devise, allerdings ließ es sich bei kurzfristig angesagtem Besuch nicht vermeiden, dass ich auch mal eine Extratour unternehmen und mich in den Samstagstrubel stürzen musste, dem kein Berufstätiger entgehen  kann.

Die Erlebnisse mit Rentnern, die just an solchen Tagen zu den sogenannten Stoßzeiten vor mir an der Kasse standen, die genervte Kassiererin in ein Gespräch über Nieren- u. Blasentee verwickelten und aufgrund von Sehstörungen den Inhalt des Portemonnaie – besonders nach Einführung des Euro – vertrauensvoll auf das laufende Band kippten, diese Erlebnisse ließen sich ausbauend fortsetzen.

Die arbeitenden Kunden - wozu ich mich noch zählte -, die in der Schlange standen, trippelten unruhig von einem Bein aufs andere, gaben brummige Seufzer von sich

und warfen sich hin und wieder unwillige Blicke zu. „Zeit müsste man haben“ sagte dann einer lautstark, während zwei andere gleichzeitig den Klingelknopfaufruf zum Besetzen einer weiteren Kasse betätigten.

 

Vielleicht sollte eine Kasse speziell für Rentner eingerichtet werden, sofern es nicht als Diskriminierung aufzufassen ist, ich meine, jetzt wo ich auch dazugehöre und mich selbstverständlich an der normalen Kasse einreihen werde. Schließlich bin ich nicht senil, ich dusche täglich, trage zwei gleiche Schuhe und vor allem zahle ich den vollen Preis, es sei denn, es gäbe an der Rentnerkasse eine prozentuale Ermäßigung. Dann könnte auch ich mich überwinden und meinen Rentnerausweis vorzeigen.

Wie gesagt, nie kostete mich das tägliche Einkaufen große Überlegungen, doch jetzt, wo ich wirklich Zeit dafür habe und mir diese auch nehmen könnte, jetzt wird’s schwierig.

Gut, dass ich mich morgens zwischen 7.00 und 8.00 Uhr zu der Warteschlange der Frühaufsteher beim Bäcker geselle, das muss nicht sein, wird eben eine halbe Stunde länger geschlafen. Danach wären frische Brötchen nicht zu verachten, doch die Stunden bis 10.00 Uhr sind den Brotzeitholern vorbehalten. In dieser Zeit ist es vor allem nicht zu empfehlen, beim Metzger 50 Gramm Schinken zu verlangen. Später sind die gestressten Hausfrauen an der Reihe, die man keinesfalls behindern möchte, schließlich kennt man das zur Genüge aus eigener Erfahrung. Mittags so von 12.00 bis 14.00 Uhr wäre kein schlechter Zeitpunkt für gemütlichen Einkauf – aber soll ich jetzt, wo ich es mir leisten kann, auf ausgiebige Mittagsruhe verzichten?

Der frühe Nachmittag könnte meiner Meinung nach die günstigste Einkaufsmöglichkeit sein, für frische Brötchen jedoch nicht unbedingt geeignet, denn das Frühstück liegt lange hinter mir und am nächsten Morgen ist von der Vortagsfrische nichts mehr übrig. Im Supermarkt sind dann außerdem die Halbtags- und Schichtarbeiter unterwegs, die man keinesfalls aufhalten möchte. Von 16.00 bis 18.00 Uhr schließt sich der Kreis, dann sind die Volltagsbeschäftigten an der Reihe, wie ich eine war. Und nie und nimmer möchte ich zu denjenigen Rentnern zählen, über die ich vor kurzem noch gelästert habe, denen es knapp vor Ladenschluss sowie an Samstagen einfällt,  dass sie keinen Senf mehr haben und die Brühwürfel ausgegangen sind, wenn sie doch mit Sicherheit noch ein paar Tage ohne diese Spezialitäten auskommen würden.

Mein gravierendes Erlebnis als einkaufender Rentner hatte ich nun bei einem Metzger, wo ich mein Suppenfleisch besorgt habe, am Samstag Mittag – ausnahmsweise. Man trifft zu dieser Zeit doch ab und an einen früheren Arbeitskollegen der einem – auf die Schnelle – die letzten Betriebsgerüchte flüstert.

Jedenfalls stellte ich mich von links an und es dauerte eine Weile, bis mir die drei Kunden von rechts mit grimmigen Blicken suggeriert hatten, dass ich mich von der anderen Seite her einordnen musste. „Entschuldigung, ich wollte mich nicht vordrängen, ich wusste nicht...“, stotterte ich hilflos, wobei ich wirklich „unschuldig“ war. Ein  junger Mann, der seinen Grillgroßeinkauf tätigte, beschwichtigte mich: „Das kann passieren! Unverschämt wird’s nur, wenn sich die Rentner dazwischenmogeln. Die haben wirklich nie Zeit, obwohl sie doch den ganzen Tag nichts tun.“ Zum Glück wurde ich durch die Verkäuferin einer Antwort enthoben, ich hätte auch keine parat gehabt. Nun, ich werde ihn schon noch herausfinden, den richtigen Rentnereinkaufszeitpunkt, oder auch nicht!

von Mundartliteratin Sonja Keil