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Geschichte und Geschichten

01.08.2008 06:06 Alter: 4 Jahre
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Hilfe - ich bin in Rente (Rentnerglosse 3)

Kategorie: Geschichte und Geschichten, LKR Bamberg, LKR Bayreuth, LKR Coburg, LKR Forchheim, LKR Hof, LKR Kronach, LKR Kulmbach, LKR Lichtenfels, LKR Wunsiedel

Es ist schon erstaunlich – mindestens zweimal wöchentlich bekomme ich Post – schwerwiegende und farbenprächtige Glanzdrucke in wasserdichte Folien gehüllt – Post von Versandhäusern, die an mich denken.

Sonja Keil

Völlig unverbindlich, verlockend mit rätselhaften Gewinnchancen, flattern – um nicht zu sagen knallen – die Kataloge auf den Tisch. Nicht selten mit speziellen Hinweisen für Senioren, Rentner und Pensionäre. Da gibt es extra bequeme Freizeitmode für Hobbygärtner und Hobbybastler – Hobbies, denen man als Berufstätiger so nebenbei in abgetragenen Hosen und Pullovern nachgegangen ist – es gibt vor allem gesundheitsfördernde Unterwäsche, wärmende Strickwesten und unkleidsame Kittelschürzen, einfache dezente Mode für die reiferen Jahre. Heißt das, dass sich mein Modegeschmack von einem Tag auf den andern, nämlich vom ersten Rententag an, von Grund auf ändern sollte? Dass ich auf farbtrendige Kleidungsstücke verzichten und wie einstmals die Großmutter grau in grau mein Dasein fristen soll?

Dieses Katalog-Bombardement grenzt nahezu an Rentnerterror. Wo ist die undichte Stelle, die Adressen von Frischrentnern an die Verwaltung der Warenhäuser meldet – möglicherweise gegen Bonuspunkte – damit unsereins seine kostbare Zeit des Ruhestandes mit dem Wälzen von mehreren vierhundertseitigen Sortimentsangeboten vertrödelt.

Waren es während meiner Berufstätigkeit nur zwei dieser unhandlichen Exemplare, die ich gerade mal an einem tristen Wochenende eher oberflächlich studiert habe, einmal für Sommer und einmal für Winter, so liegt inzwischen ein achtunddreißig Zentimeter hoher Stapel dünnerer und dickerer Ausgaben bekannter und noch nie gehörter Versandhändler bei mir zum streßfreien Einkauf bereit.

Also gut, warum soll ich nicht auf diese Art und Weise meine Sommergardarobe auffrischen. Ist vielleicht tatsächlich weniger stressig, als in die Stadt zu fahren, einen Parkplatz zu suchen und durch übervolle Kaufhäuser zu latschen.

Nachdem die Wohnung dank Meister Propper und seiner diversen Gesellen keine weitere Verschönerungsarbeit nötig hat und im Garten zwischen den Blumen kein einziger Grashalm mehr zu entdecken ist, begebe ich mich auf meinen Einkaufstrip quer durch die Welt der Kataloge.


Ein cremefarbener Hosenanzug im Businesslook springt mir in die Augen. Sofort notiere ich ihn auf dem Bestellschein – um ihn kurz darauf wieder zu streichen. Wofür soll ich diesen Anzug anziehen – ganz ohne Business – sprich: als Rentner?

Ich entdecke eine Kostümbluse, wie ich sie im letzten Jahr dringend gebraucht hätte – aber nun habe ich das Kostüm seitdem ich in Rente bin nicht mehr aus dem Schrank geholt, also erübrigt sich die Bluse ebenso. Lange schon suche ich nach einer speziellen Handtasche und finde sie tatsächlich in dem Angebot für die aktive Managerfrau – und ich dachte, Handtaschen müssen nicht unbedingt etwas mit der Mentalität der Trägerin zu tun haben. Kann ich es trotzdem auch im Rentenalter wagen, mit dieser Tasche durch die Stadt zu bummeln? Wobei sich ein derartiger Bummel ganz zwangsläufig für mich erübrigt, sofern ich nun Katalogware bestelle – also ist auch diese Tasche für mich nun völlig überflüssig.

Ich unterbreche diese Warenschau und inspiziere meinen Kleiderschrank. Schrecklich – alle Fummel, die ich für Haus und Garten benötige, sind in Hülle und Fülle vorhanden, selbst für Spaziergänge, einen gelegentlichen Restaurantbesuch und eine Theatervorstellung hängt das passende Outfit parat. Ich brauche nichts neues – ich muss mich nicht täglich in anderen Klamotten präsentieren. Mit der vorhandenen Kleidung komme ich noch gut einige Jahre hin, es sei denn, meine Proportionen verändern sich drastisch, was unwahrscheinlich scheint.

Gut, ich könnte einen Teil in die Altkleidersammlung geben – aber welchen? Außerdem ist alles noch topaktuell und es steckt eine Menge schwer verdientes Geld darin – viel zu schade zum Weggeben! Wohl oder übel muss ich mich damit abfinden, dass sich für mich momentan und sogar für die nächsten Monate jede Art von Einkaufsbummel erübrigt. Meine diesbezügliche Enttäuschung lässt sich am besten mit folgendem Vergleich verstehen: Man freut sich wochenlang auf Weihnachten – dann findet es nicht statt. Und – soweit ich mich selbst und meine Enkel mich kennen, werden sie es sein, die von diesem freigewordenen Kleidungsbudget profitieren.

Meine freie Zeit dem Betrachten von Katalogwaren zu opfern war für mich wohl eine eindeutige Fehlinvestition, was ich mit großem Bedauern leider akzeptieren muss.

Der bunte Papierstapel von 38 cm Höhe verschwindet vorsorglich gleich in der Papiertonne und es bleibt mir nichts anderes übrig, als wehmütig auch meinen Wunsch auf neue Kleidung zu entsorgen. Gleichzeitig hege ich jedoch den Hinterkopfgedanken, dass irgendwann noch werden kann, was jetzt nicht ist.

 

von Mundartliteratin Sonja Keil