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Sommernachtstraum Beitrag
Eine weiße Rose mit gelbem Stern
Kategorie: LKR Bamberg, LKR Bayreuth, LKR Coburg, LKR Forchheim, LKR Hof, LKR Kronach, LKR Kulmbach, LKR Lichtenfels, LKR Wunsiedel, Regierungsbezirk OberfrankenEs war ein wunderschöner Sommertag, bei dem man sich heimlich wünscht, er möge nie zu Ende gehen. Selbst der Wind, der tagsüber unaufhörlich über die Höhen des Frankenwaldes strich, setzte sich nun zur Ruhe. Auch er war müde und gönnte sich eine Pause.
In dieser abendlichen Stille fuhr ein „dicker“ Mercedes mit Wiesbadener Kennzeichen vor. Ihm entstieg eine junge, elegante Dame, die mit einer außergewöhnlichen Bitte an mich herantrat: „Könnten sie uns jetzt noch zum Waldsee führen? Es ist der sehnlichste Wunsch meiner Eltern, noch einmal den Ort zu sehen, an dem sie sich kennen und lieben gelernt haben“.
Wie sich herausstellte, handelte es sich bei dem Waldsee um den Frauenreuther Teich, der idyllisch im oberen Tal der Großen Koser liegt. Die „Fraaraad“, wie das große Gewässer im Volksmund genannt wird, war vor und nach dem 2. Weltkrieg Treffpunkt der Jugend der umliegenden Dörfer, die sich in dem klaren Wasser vergnügte.
Da die Luxuslimousine einen Waldweg im Frankenwald nicht heil überstehen würde, schlug ich vor, den Weg hinunter zum Waldsee zu Fuß zu gehen. Eine gute Gelegenheit, um die übrigen Insassen des Autos näher kennenzulernen. Die schon erwähnte elegante Dame war Zahnärztin und betrieb mit ihrem Mann eine anscheinend gutgehende Praxis in Frankfurt. Ihr 11–jähriger Sohn erzählte mir sofort von seinen weiten Reisen; demnach stand er schon auf der Mauer in China, saß auf einem Kamel in Afrika, segelte im Mittelmeer und surfte in Amerika. Deshalb war es für den Jungen unverständlich, dass seine Großeltern ein Weihnachtsgeschenk, - eine Bildungsreise nach Griechenland - ablehnten und dafür unbedingt zum „Waldsee“ im Frankenwald wollten. „Was wollen wir in Griechenland“, entgegnete etwas unwirsch seine rüstige Großmutter. Weiter konnte sie sich nicht mit ihrem Enkel auseinandersetzen, denn sie mußte sich um ihren Mann kümmern, der sichtlich von dem kleinen Spaziergang überfordert war.
Später, als wir einen Augenblick allein waren, fragte ich sie: „Ist ihr Mann krank“? „Ja“, sagt sie und schaut mich lange an. „Ja, er hat nur noch wenige Monate, vielleicht nur ein paar Wochen zu leben“. Erschrocken blickte ich sie an. „Wissen das Ihre Kinder?“ „Nein“ - ein bitterer Ton schwang mit. „Sie haben keine Zeit dafür. Wir sehen uns nur einmal im Jahr, zu Weihnachten“, sagte sie. Ihr ältester Sohn ist im auswärtigen Dienst, der andere bei der Landesbrandversicherung, eine Tochter wird zum 3. Mal geschieden, die hat ihre eigenen Probleme, und die jüngste hat nach langem Bitten endlich einmal Zeit gefunden, sie zum Frankenwald zu fahren.
Mittlerweile waren wir bei der „Fraaraad“ angekommen. Alle waren froh, endlich auf einer Bank am Waldrand Platz nehmen zu können, mit dem schönen Blick hinunter auf die sonnenüberflutete Wasserfläche. Ein paar Graureiher erhoben sich träge und ließen sich auf den hohen Fichten nieder, um uns mißtrauisch zu beäugen. Die Stockenten schauten kurz auf und zogen weiter ihre gewohnten Bahnen. Der kleine Junge war sichtlich enttäuscht; er hatte sich den Waldsee anders vorgestellt. „Da ist nichts los“, stellte er fest. Auch seine Großeltern hatten Mühe, sich zurechtzufinden. In 50 Jahren hat sich auch im Frankenwald einiges verändert. „Weißt du noch, wie wir uns dort unten das erste Mal gesehen haben, Karl“, fragte sie ihren Mann. „Ich hatte einen grauen Bikini an, der aus einem alten Handtuch geschneidert war, weil der Stoff eben nicht zu mehr reichte. Kannst du dich nicht mehr daran erinnern?“ Ihr Mann brauchte etwas, dann antwortete er schmunzelnd: „Weniger an den Bikini, mehr an die Brotzeit“. „Das sieht dir ähnlich,“ sagte lachend seine Frau. In der Tat waren sie und ihre Freundin damals gerade beim Essen: trockenes Brot und Heidelbeeren, die sie im Wald gesammelt hatten, dazu einen Becher Quellwasser. Für die damaligen Flüchtlingskinder war das eine Köstlichkeit.
„Aber an unseren ersten Kuß kannst du dich doch noch erinnern?“ Sie ließ nicht locker, er nickte. „Danach bist du weggerannt und ins Wasser gesprungen. Ich dachte: Was ist jetzt los? Vielleicht kommt er überhaupt nicht wieder? Doch dann kamst du angeschwommen. Im Mund hattest du eine weiße Rose mit gelbem Stern; ich war so glücklich.“ Tränen rannen der alten Dame über das Gesicht. Auch ihr Mann war sichtlich gerührt. Selbst der kleine Junge wollte helfen „Oma, ich hole Dir eine solche Blume“, tröstete er sie. Ich schüttelte den Kopf „Es gibt keine Seerosen mehr“ sagte ich. „Es gibt keine mehr“? Fragend schaute mich die alte Dame an. „Es waren doch so viele. Wo sind sie alle geblieben?“ Verzweifelt suchten ihre Augen die glitzernde Wasserfläche ab. Doch nirgends war eine weiße Blüte zu sehen.
Leise, kaum hörbar und zu ihrem Mann gewandt, meinte sie: „Nun hat uns auch unsere weiße Rose aus unserem Traumsommer verlassen“. Sie suchte die Hand ihres Mannes und hielt sie fest. Mit einem letzten traurigem Blick verabschiedete sie sich von ihrer weißen Rose mit gelbem Stern, die ihr in all den Ehejahren Halt und glückliche Erinnerung war, wohl ahnend, dass sie - zumindest zu zweit - nie wieder hier her kommen würden. Sie nahm aber auch Abschied von einer heute unvorstellbar armseligen, ja kargen, letztendlich aber glücklichen Jugendzeit.
von Buckenreuther Literaten Richard Seuß


