Donnerstag, 24.05.2012

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Sommernachtstraum Beitrag

06.10.2008 08:41 Alter: 4 Jahre
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Die Expedition

Kategorie: LKR Bamberg, LKR Coburg, LKR Forchheim, LKR Hof, LKR Kronach, LKR Kulmbach, LKR Lichtenfels, LKR Wunsiedel, Regierungsbezirk Oberfranken, Sommernachtstraum

Wie lange hatte ich mich auf diese schwierige Expedition vorbereitet? Wie lange hatte ich diesen Zeitpunkt herbeigesehnt? Mir war ja bereits im Vorfeld klar gewesen, auf was ich mich hier einlassen würde.

Reinhard Witzgall

Eine komplette wetterfeste alpine Ausrüstung und stabiles Schuhwerk, Eskimoschlafsack und witterungsbeständiges Zelt  waren genauso wichtig, wie beste Kondition und intensive  psychische Vorbereitung. Keiner weiß vorher, mit welchen Unwägbarkeiten man  in der Wildnis konfrontiert wird. Man muss ständig mit Extremsituationen rechnen. Das ist keine Fahrt ins Blaue,  auch keinesfalls vergleichbar mit einem Pauschalreiseangebot.
Immerhin ein knappes Jahr hatten die Vorbereitungen und die Zusammenstellung der Aus-rüstung für sich in Anspruch genommen. Zuletzt habe ich mich noch  im Kartenlesen und im Umgang mit dem  Kompass geübt.
Ich war bereit und aufgeregt wie noch nie, als ich endlich den ersten Schritt in diese Wildnis
setzten konnte.
Es ging langsam  voran, langsamer als geplant und es zeigte sich bald, dass das vorgesehene Pensum hier in dieser unwirtlichen Gegend unmöglich zu schaffen sein wird. Im mitgeführten Kartenmaterial waren wohl die Höhenunterschiede erkennbar, aber  die Hügel entpuppten sich als steile Berge und nachdem ich einen Gipfel erklommen hatte, folgte gleich wieder ein tiefer Taleinschnitt, danach wieder ein steiler Anstieg usw.. Außerdem war die Gegend total verwildert. Kaum ein Durchkommen, keine Straßen, keine Wege, nur Gestrüpp, umgestürzte Bäume, verwilderte  Hecken und undurchdringliches Dickicht. Ohne meine Machete könnte man sich kaum einen Weg durch diese gottverlassene Gegend bahnen. Bald kam ich ins Schwitzen und nach einiger Zeit  setzten mir die Strapazen gehörig zu. Aber ich war beseelt von dem Gedanken und von der Vorstellung,  in dieser Gegend menschliches Leben anzutreffen. Experten hatten nur  den Kopf geschüttelt und mich als verrückten Spinner abgetan. Unmöglich, unvorstellbar, dass hier jemand überleben kann. Das hält kein menschliches Wesen aus. Schlag dir diesen Gedanken einfach aus dem Kopf!
Doch ich war wie besessen von der Idee: Vielleicht stimmt es ja doch, was die Alten erzählen und berichten.
Dort oben in dieser trostlosen, einsamen, rauen Gegend lebte früher ein ganzes Volk mit einer eigenen Kultur und eigener Lebensart und ich wollte einfach den Gegenbeweis antreten bzw. den Nachweis erbringen, dass die alten Legenden und Geschichten  stimmten.  
Auch  Christoph Kolumbus erntete nur Spott, als er von der Entdeckung eines neuen Konti-nents berichtete, oder Reinhold Messner, der seine Version vom Yeti, dem Schneemenschen,  vehement vertrat.
Mir war es letztendlich egal, was die anderen von mir dachten. Keiner konnte mich aufhalten und ich schlug mich Tag um Tag, Nacht um Nacht durch diese Wildnis. Doch dann ließen meine Kräfte nach, total erschöpft und resignierend wollte ich beinahe umkehren. Langsam hatte ich mich damit abgefunden, dass diese Spezies wahrscheinlich doch schon ausgestor-ben war.
Schließlich  wendete sich am 3. Tag gegen Einbruch der Dämmerung das Blatt.
Deutlich konnte ich  einen Lichtschimmer durch den engen, dichten Wald erkennen. Ich schlich wie ein Indianer, vorsichtig, darauf achtend,  keinen Laut von mir zu geben,  durch das dichte  Unterholz. Bald darauf war es eindeutig erkennbar:  eine Hütte, ein Feuer, ein Mensch. Ein richtiger Mensch, der hier oben abseits der Zivilisation trotz der ganzen schwierigen Umstände überlebt hatte. Ein Wunder. Eine Sensation. Doch damit nicht genug:  Nach einiger Zeit gesellte sich noch ein weibliches Wesen dazu und schließlich und endlich entdeckte ich sogar, dass dieses Pärchen Nachwuchs hatte und hier fernab der nächsten Siedlung aufzog. Die Familie machte auf mich einen glücklichen und zufriedenen Eindruck. Sie hatten sich die Natürlichkeit und offenbar auch  eine innere Zufriedenheit bewahrt, um die ich sie sofort beneidete. Solche Wesenszüge sind nur bei unberührten Naturvölkern zu beobachten.  Lange betrachtete ich diese Idylle, diesen Hort der Ruhe. Diese menschliche  Oase der Besinnung und Stille. Ein grandioses Erlebnis!
Plötzlich  schoss es mir durch den Kopf: Das glaubt mir niemand! Wenn ich das veröffentliche, wird das eine riesige Sensation, die nur vergleichbar mit der Landung auf dem Mond, oder dem Fund des Ötzis in den Alpen ist.
Diese Entdeckung  würde völlig neue Erkenntnisse über Land und Leute bringen.
Das wäre der eindeutige Beweis, dass trotz allem menschliches Leben im Frankenwald möglich ist und wohl auch die Geschichten der Alten  stimmten, dass früher die Frankenwäldler ein lustiges, aufgewecktes  Völkchen waren, die - mit vielen Eigenheiten und Eigenarten - hier einst glücklich und zufrieden lebten.

Wahrscheinlich wäre ich mit dieser außergewöhnlichen sensationellen Geschichte  berühmt und bald würden  ganze Völkerwanderungen von Neugierigen einfallen, große Horden von Fernsehteams kämen, um  über diese unberührte Natur und dieses Naturvolk zu berichten.  

Aber genau in diesem Moment, als  ich eigentlich den Heimweg antreten wollte, fiel ich im Finanzamt von meinem Stuhl und wachte  auf, von meinem (Sommernachts)-Traum, von meiner Heimat, von meinem Frankenwald.
Ich war froh, dass ich das alles nur geträumt hatte und hoffe auf ein offeneres, positiveres Bild  unseres Frankenwaldes und unserer Region.
Ich bin glücklich und stolz   hier leben zu können. Auch wenn sie uns  fernab in München mitleidig belächeln und uns einst vielleicht ganz vergessen sollten, werden wir hier weiterhin als eigenwilliges, dickschädliges Bergvolk mit Ecken und Kanten die Stellung halten und un-ser negatives Image mit Würde und Anstand  tragen. 

von Buckenreuther Literaten Reinhard Witzgall